Soziokratie I
Den Beratungsprozess und den soziokratischen Konsent kennenlernen – und ein echtes Stamm-Meeting miterleben, ohne gleich selbst entscheiden zu müssen.
Was ist das?
Soziokratie I ist die Quest, in der du lernst, wie der Stamm Entscheidungen trifft – und das erste Mal live miterlebst, wie das geht. Noch nicht selbst entscheiden: zuerst zuschauen.
Zwei Formen decken den Alltag ab:
Beratungsprozess – die Standardform für alle alltäglichen Entscheidungen. Wer entscheiden will, holt bei betroffenen Kolleg:innen und Expert:innen Rat ein, hört Einwände und Ideen an, fällt dann selbst die Entscheidung und kommuniziert sie transparent. Keine Abstimmung, keine Sitzung – wer verantwortlich ist, entscheidet.
Soziokratischer Konsent – für grössere Entscheidungen, die mehrere betreffen: neue Rollen, Grundsätze, Budget-Entscheide im Circle. Der Ablauf in sechs Schritten:
- Vorschlag präsentieren – was soll gelöst werden?
- Klärungsfragen – nur Verständnis, noch keine Reaktionen
- Reaktionsrunde – jede:r reagiert, ohne Diskussion
- Ergänzen – die vorschlagende Person schärft den Vorschlag
- Einwandrunde – «Seht ihr einen Grund, warum dieser Vorschlag Schaden anrichten oder uns zurückwerfen könnte?» Kein schwerwiegender Einwand: Vorschlag angenommen.
- Integration – wenn Einwände bestehen, wird der Vorschlag so verändert, dass er die Einwände berücksichtigt, ohne das Anliegen aufzugeben.
Für Personalentscheidungen gibt es die soziokratische Wahl: Alle nominieren und begründen, hören zu, können ihre Nomination ändern. Die Moderation schlägt die Person mit den stärksten Argumenten vor – die Gruppe prüft auf Einwände.
Warum gibt es das?
Ein Stamm, der gemeinsam lebt und arbeitet, muss auch gemeinsam entscheiden können – ohne dass immer die Lautesten gewinnen oder die Stillen einfach überstimmt werden.
Abstimmungen erzeugen Mehrheiten und Minderheiten. Konsent sucht etwas anderes: eine Lösung, mit der alle leben können, weil niemanden ein schwerwiegender Einwand daran hindert. Das ist langsamer als «alle, die dafür sind, Hand hoch» – aber es trägt länger, weil alle wirklich mitgemacht haben.
Der Beratungsprozess auf der anderen Seite ist kein Komitee und kein Konsens: Wer verantwortlich ist, entscheidet selbst – aber erst nach echtem Zuhören. So bleibt der Stamm handlungsfähig, ohne dass Einzelne über andere hinwegrollen.
Das ist gelebte Selbstführung: Nicht YOLU entscheidet, wer aufgenommen wird. Der Stamm tut es selbst, in der soziokratischen Wahl.
Wie geht es konkret?
- Komm ans Stamm-Meeting. YOLU moderiert, der Stamm lebt den Prozess vor. Deine Aufgabe in diesem ersten Meeting: zuhören und beobachten.
- Schau auf den Prozess, nicht nur auf den Inhalt. Wie stellt jemand einen Vorschlag vor? Wie fragt die Moderation nach Einwänden? Was ist der Unterschied zwischen einem Einwand und einer Meinung?
- Frag nach, was du nicht verstehst. Nach dem Meeting – nicht mittendrin. YOLU erklärt gern.
- Beim nächsten Meeting kannst du mitdiskutieren. Die Reaktionsrunde gehört allen, auch wenn du noch neu bist. Ein schwerwiegender Einwand ist selten – meistens läuft die Einwandrunde schnell durch.
- Der Beratungsprozess läuft schon im Alltag. Du wirst ihn benutzen, bevor du ihn gelernt hast: sobald du eine Entscheidung triffst, die andere betrifft, holst du Rat – das ist er.
Für Einführende
Wer führt ein?
YOLU moderiert das erste Stamm-Meeting (Konzept 5.5). Der Stamm lebt den Prozess vor. Circle Learning & Mentoring begleitet Fragen zur Praxis.
Worauf achten?
- Das Ziel dieser Quest ist Beobachten, nicht Beherrschen. Dränge nicht darauf, dass Neue sofort mitreden oder gar Vorschläge einbringen – das kommt in Soziokratie II (Level 3).
- Einwand und Meinung sind ein häufiger Stolperstein. Ein Einwand zeigt, dass ein Vorschlag Schaden anrichten oder den Stamm zurückwerfen könnte. Eine Meinung – «Ich finde einen anderen Ansatz besser» – ist kein Einwand. Diesen Unterschied gerne mehrfach erklären; er sitzt erst mit Erfahrung.
- Der Beratungsprozess läuft im Alltag oft unsichtbar. Mach ihn sichtbar: «Ich habe vorher mit drei Leuten gesprochen, die das betrifft – hier ist meine Entscheidung und warum.» So lernen Neue, wie er aussieht.
- Soziokratie kann sich schwerfällig anfühlen, wenn der Stamm noch klein ist. Das ändert sich: Je mehr Rollen und Circles entstehen, desto wichtiger wird der Prozess.
Material
- Nächstes Stamm-Meeting im Kalender eintragen und die neue Person explizit einladen
- Kurze Vorab-Info: Was wird am Meeting entschieden? Welche Rollen sprechen? So kommt niemand unvorbereitet.
- Konzept 6.2 als Lesehinweis – wer tiefer eintauchen will, findet dort den vollständigen Ablauf des soziokratischen Konsents