Colearning Basecamp

Das Konzept

Das ganze Denken hinter dem Basecamp – offen geteilt, zum Nachlesen und Weiterbauen. Es ist die einzige Quelle aller Fakten; diese Seite wird direkt aus dem Konzept-Dokument erzeugt und bleibt so immer aktuell.

Frei unter CC BY-SA 4.0

Colearning Basecamp – die unternehmerische Ausbildungszeit

Konzept v20, Juni 2026 – by (YOLU)


TEIL I: WAS EIN BASECAMP IST

1. Vision

1.1. Was wir sehen

Wir sehen Jugendliche voller Tatendrang. Sie wollen Verantwortung übernehmen, inspirierende Menschen kennenlernen, mit ihnen zusammenarbeiten und eigene Projekte mit echtem Risiko starten. Sie wollen sich selbst spüren und etwas tun, das einen Unterschied macht, in einer Welt, die sie braucht. Sie wollen keine weiteren Jahre in einem Schulzimmer sitzen, denn sie wissen, dass das Aufregende ausserhalb stattfindet. Sie wollen nicht mehr warten, bis sie irgendwann als erwachsen gelten, denn ihre Zeit ist jetzt.

Und wir hören die Stimmen von Jugendlichen, die nicht mehr weiterwissen. Erschöpft, nicht durch zu viel Leben, sondern durch zu wenig davon. Manchmal laut, oft still. Überforderte Familien, Diagnosen und Belastungen, die im bestehenden System kaum Platz finden. Junge Menschen, die nach einem Ort suchen, der für sie keine Zwischenlösung oder Reparaturstation ist, sondern Heimat. Diese Jugendlichen bringen Wahrnehmungen und Persönlichkeiten mit, die ein lebendiger Ort braucht.

Wir haben erlebt, wie es anders gehen kann. Über Jahre, im Coworking und Colearning Space inmitten unterschiedlichster Unternehmen, sind Jugendliche bei uns ein- und ausgegangen. Sie haben gelernt, Community gelebt, beobachtet und angepackt, Matura- und Lehrabschlüsse absolviert, die Community geprägt, eigene Unternehmen aufgebaut und in der Welt mitgewirkt.

Um ein Kind grosszuziehen, sagt man, braucht es ein ganzes Dorf. Für Jugendliche gilt das erst recht: Der Übergang in die Welt der Erwachsenen gelingt dort, wo unterschiedliche Menschen präsent sind, zutrauen und mitwirken lassen. Ein einzelnes Dorf allein genügt aber nicht. Es braucht viele Dörfer, für ganz viele Jugendliche.

Also gehen wir los: auf Entdeckungsreise zu lebendigen Orten, an denen Jugendliche leben, lernen und wirken können. Wir spüren diese Orte auf und wo es sie noch nicht gibt, bauen wir sie gemeinsam mit den Jugendlichen.

Das Colearning Basecamp ist eine vollwertige Ausbildung. Es ist ein Abenteuer, bei dem der Weg erst im Gehen entsteht.

1.2. Was wir bauen

Das Colearning Basecamp ist eine …
… unternehmerische Ausbildungszeit
… für junge Menschen zwischen 15 und 25 Jahren,
… Vollzeit, mehrere Jahre, mitten im Leben,
… getragen von den Jugendlichen selbst.

Die Jugendlichen tauchen ein in eine reale Welt aus Arbeit und Projekten. Sie gestalten ihren Stamm. Sie leben in einer Umgebung, in der Erwachsene ihrer eigenen Arbeit nachgehen. Sie lernen durch Beobachten und Mitmachen (siehe LOPI).

Das Basecamp ist ein dritter Weg neben Gymnasium und Lehre. Und es lässt dieselben Türen offen, denn Matura und EFZ bleiben erreichbar, nur nicht über die Schulbank, sondern über echte Projekte und ein Portfolio (siehe Kapitel 3).

Im Zentrum steht dabei das Unternehmerische: Die Jugendlichen machen sich selbständig. Sie gründen eigene Lernunternehmen, stellen echte Rechnungen, gewinnen echte Kund:innen und tragen echtes Risiko. Unternehmerisch heisst dabei mehr als Geschäft: etwas unternehmen, eine Idee ergreifen und wirksam werden – auch künstlerisch, sorgend, regenerativ oder fürs Gemeinwohl (siehe Kapitel 2.1 und 2.5). Das ist nicht eine Methode neben anderen, sondern der Kern dieser Ausbildungszeit – die gelebte Antwort auf die Frage "Wie kann ich hier einen Wert schaffen?". Aus dieser Arbeit bauen sie ein reiches Portfolio für ihre Karriere. Wenn sie wollen, können sie nebenher anerkannte Bildungsabschlüsse erwerben. Was sie tun, ist keine Übung. Es ist echt.

Aber das ist nur die Hälfte der Geschichte. Um die Jugendlichen herum entsteht etwas, das mehr ist als ein Bildungsprogramm: ein generationenübergreifender Lebensraum, in dem Erwachsene und Pensionierte als Mentor:innen und Kompliz:innen eine sinnstiftende Rolle finden. Niemand ist nur Empfänger:in oder nur Geber:in. Alle sind beides. Das ist der Kern eines Dorfes und der Kern der Colearning Basecamps.

1.3. Warum wir

Die Basecamps entstehen nicht aus dem Nichts. Die Coworking Community gibt es bereits seit über zwölf Jahren. Die daraus entstandene Colearning-Bewegung hat viele Biografien getragen, die in keinem Standardweg Platz gehabt hätten. Schon länger bauen wir Lernunternehmen mit Jugendlichen. Unsere Erfahrung mit Communities, Bildung und Unternehmertum geht weit zurück. Was nun als Basecamp startet, ist die Verdichtung dieser Erfahrung.

Wir haben die Not gesehen und entdeckt, was möglich ist, wenn wir Jugendlichen viel zutrauen und zumuten. Nicht loszugehen wäre, so zu tun, als wüssten wir von beidem nichts. Also brechen wir auf mit denen, die es auch sehen und mit auf die Reise kommen wollen.

1.4. Warum die Jugend

Es gibt keine bessere Lebensphase für eine unternehmerische Ausbildungszeit als die Jahre zwischen 15 und 25: Die Fixkosten sind so tief wie nie wieder, viele haben faktisch ein bedingungsloses Grundeinkommen durch die Familie – Kost, Logis, Rückhalt. Nie wieder ist Ausprobieren so günstig und Scheitern so verkraftbar. Und genau dort braucht es das Dorf: Es schützt und sichert diesen einzigartigen Freiraum ab. Es fängt dort auf, wo der familiäre Rückhalt alleine nicht ausreicht, und gibt den Jugendlichen die verlässliche Basis, um diese wertvollen Jahre voll auszuschöpfen (siehe Kapitel 8.2).

Dabei verschiebt sich die Lage über die Spanne – und das ist Teil der Idee. Bis etwa 20 ist sie entspannt: ausprobieren, ohne dass viel davon abhängt. Ab zwanzig wächst der Druck, selbst für den eigenen Unterhalt zu sorgen – und das ist gut so. Kein Verlust der schönen Jahre, sondern ihr natürlicher nächster Schritt: Aus dem freien Ausprobieren wird ein Wirken, das sich tragen muss. Wer diese Jahre im Basecamp durchlebt, gerät nicht erschrocken in diesen Übergang, sondern wächst von Anfang an in ihn hinein.

1.5. Die Schlange beim Kopf packen

Im Kern steht ein Unrecht. Das herkömmliche System behandelt junge Menschen oft als unvollständig und unmündig – als Objekte der Erziehung statt als Subjekte ihres eigenen Lebens. Diese institutionelle Entmündigung hat einen Namen – Adultismus – und sie wirkt als strukturelle Gewalt: Sie entzieht jungen Menschen systematisch ihre Stimme, Selbstbestimmung und Wirksamkeit. Doch Kinder und Jugendliche sind ganze Menschen jetzt. Sie gegen ihren Willen in eine jahrelange, passive Warteschleife zu zwingen, ist kein pädagogischer Kompromiss, sondern eine tiefe Verletzung ihrer Würde. Das Basecamp verweigert die Teilnahme an dieser Logik. Wer sie kippen will, muss am richtigen Ende ansetzen.

Viele, die das Bildungssystem verändern wollen, gründen Privatschulen: Die Kinder sollen von Anfang an in einer besseren Kultur aufwachsen. Das ist jedoch der Versuch, die Schlange beim Schwanz zu packen. In den ersten Jahren gelingt Lernen oft wunderbar: offen, frei, kindgerecht. Doch spätestens ab der dritten, vierten Klasse schleicht sich die Verengung ein. Denn alle schauen auf den Anschluss nach der Volksschulzeit: Übertritt, Gymiprüfung, Selektion. Also kehren Lehrplangehorsam und Druck durch die Hintertür zurück – ausgerechnet in die Projekte, die angetreten waren, es anders zu machen. Das Anschluss-System diszipliniert alle, die ihm zuliefern müssen.

Darum packen wir die Schlange beim Kopf: beim Übergang in die Welt der Erwachsenen. Wenn dort sichtbar wird, dass es ohne Zeugnis, ohne Gymnasium, ohne Lehrstelle, auf einem individuellen und erfolgreichen Weg geht, dann verliert die Verengung ihre Begründung. Wovor sollen sich Familien noch fürchten, wenn der Anschluss nicht mehr der Flaschenhals ist?

Dann schwänzelt der Schwanz des Systems ganz von selbst hinterher: Was Zwanzigjährige vorleben, verändert, was Achtzehnjährige sich zutrauen. Und das wirkt weiter auf die Sechzehn-, Vierzehn-, Zwölf-, Zehn- und Achtjährigen. Denn Kinder sind schlau: Sie beurteilen, ob Schule ihnen etwas bringt, indem sie schauen, was Jugendliche tun. Jede sichtbare Basecamp-Biografie nimmt darum Druck aus dem ganzen System, auch für Familien, die nie ein Basecamp betreten. Das ist unsere kulturelle Theorie der Veränderung.

Neben dem kulturellen wirkt ein politischer Pfad: Aus mutigen Biografien wird dokumentierte Erfahrung. Weil diese Erfahrung unbestechlich beweist, was möglich ist, stecken wir andere an und schreiben die Spielregeln da draussen schrittweise neu. Jugendliche sind nicht nur inspirierende Beispiele, sondern politische Subjekte. Sie bündeln ihre Stimmen, verschaffen sich Gehör und erwirken echte, strukturelle Mitwirkung. Sie verändern die Bedingungen, unter denen Jugend stattfindet und prägen ihre Zukunft und die kommender Generationen.

1.6. Warum jetzt

Das Basecamp passt nicht nur zu den jungen Menschen. Es ist auch eine Antwort auf die Herausforderungen unserer Zeit.

Die Bildungssysteme und die traditionellen Karrierewege haben grosse Probleme in der Dynamik der heutigen Welt (siehe Diagnose des Colearning Frameworks). Die Arbeitswelt verändert sich schneller, als Lehrpläne folgen können. Berufsbilder entstehen und verschwinden, künstliche Intelligenz verschiebt, was morgen gefragt ist. Auf Vorrat lernen wird unzuverlässig.

Was bleibt, sind zwei Kompetenzen, die heute und in naher Zukunft zentral sein werden: Erfahrung im Selbstlernen in Gemeinschaft und unternehmerisch denken und handeln mit der Frage, die man überallhin mitnehmen kann: "Wie kann ich hier etwas beitragen?" Wer diese Frage zu beantworten gelernt hat, findet in jeder Umgebung seinen Platz, egal wie sich die Welt dreht. Die Frage zielt dabei genau auf die zwei Felder, die die Schule auslässt: "was die Welt braucht" und "wofür man bezahlt werden kann" (siehe IKIGAI-Kompass, Kapitel 2.2).

Beides hat seinen Platz im Stamm. Gerade die Mischung macht ihn reicher: Die Älteren – Anfang zwanzig, bringen Reife, verbinden ihr Lernen schon mit eigenem Erwerb und können die Jüngeren mentorieren. Die Jüngeren bringen Unbekümmertheit und einen frischen Blick. Entscheidend ist nicht das genaue Alter, sondern dass jemand in einer Phase steht, in der Ausprobieren noch leicht möglich ist und der Übergang ins eigene Tragen noch bevorsteht oder gerade beginnt.

1.7. Viele Basecamps, eine Bewegung

Wir bauen nicht ein Basecamp. Wir bauen viele. Ein Basecamp braucht einen vielfältigen, lebendigen Ort: Coworking Spaces, Werkstätten, Bauernhöfe, Kulturhäuser, Kirchgemeinden, Marktplätze und Makerspaces – überall dort, wo Erwachsene echter Arbeit nachgehen und bereit sind, Jugendliche mitleben zu lassen.

Wie entsteht ein neues Basecamp? Nicht durch zentrale Standorterschliessung, sondern durch die Jugendlichen selbst. Junge Menschen, die ein bestehendes Basecamp besucht, davon inspiriert oder es miterlebt haben, gründen selbst einen neuen Stamm. Sie spüren Orte auf, laden Komplizen und Mentor:innen ein und gestalten die Form.

Dabei gilt Community First: Ein Basecamp entsteht nie im Alleingang. Es braucht eine lebendige Community. Wo es sie noch nicht gibt, beginnt der Weg deshalb in einem bestehenden Stamm. Zuerst den Rhythmus in den Körper bekommen und dann weiterziehen und Community bauen (siehe Kapitel 5 und Kapitel 12).

Die Basecamps werden zu einer Bewegung, die in die Selbständigkeit führt und mit möglichst wenig zentralen Ressourcen auskommt.

1.8. Auf einen Blick

Merkmal Colearning Basecamp
Zielgruppe Junge Menschen 15–25 Jahre, nach obligatorischer Schulzeit
Format Vollzeit, Selbstlernen in Gemeinschaft (Colearning)
Trägerschaft Lokale Vereine, getragen durch die jugendlichen Mitglieder
Pilotstart Jahr 2026 im Effinger Coworking Space, Bern
Einstieg Eine Journey in vier Levels – Schnuppern, Starten, Wirken, Weitergeben: bewusst hinein, leicht hinaus (siehe Kapitel 5)
Wachstum Zunächst in der Schweiz, dann DACH und Europa. Initiiert durch Jugendliche, die von einem bestehenden Basecamp inspiriert wurden.
Preis pro Platz Grundpreis von CHF 580/Monat, getragen von der Familie (netto ca. CHF 280 nach Ausbildungszulage). Dazu ein Dorfanteil, getragen vom Dorf (Firmen, Stiftungen, Pensionierte, Pat:innen, Umfeld, Familien selbst): im 1. Jahr CHF 400, dann sinkend (Jahr 2 CHF 300, ab Jahr 3 ca. CHF 200 als Sockel für Stipendien).
Abschlüsse Portfolio mit eigener Page (inklusive), Internationale Matura / A-Levels (optional), EFZ über Berufserfahrung (optional)
Rolle YOLU Backoffice und Backup-Office. Wichtiger Knoten im Netzwerk: Konzepte, Rituale, Vernetzung, Erfahrung, Fürsprache für Glaubwürdigkeit nach aussen (www.yolu.ch).
Rolle Colearning Das Colearning Framework und die Colearning Community sind unsere Basis (www.colearning.org).

1.9. Grundsatz: Vertrauen und Ermöglichen

Das Basecamp folgt einem radikalen Grundsatz: Es wird von Jugendlichen geführt. Erwachsene sind Kompliz:innen, Mentor:innen, Fürsprecher:innen für die Welt draussen – aber nicht am Steuer. Niemand lebt von der bezahlten Betreuung der Jugendlichen. Die lokale Begleitung leisten jugendliche Peers und ehrenamtliche Mentor:innen. Der laufende Betrieb soll sich über den Platzpreis finanzieren. Jeder Platz wird gemeinsam getragen: vom Dorf, von den Familien und von einem grösseren Ganzen, dem wir uns zugehörig wissen. Unsere Sicherheit liegt nicht in der Unabhängigkeit, sondern in diesen Wurzeln und im Vertrauen, dass wir genug haben und genug haben werden.

Bei allem gilt das Pull-Prinzip: YOLU, Colearning und Coworking bieten Konzepte, Rituale, bewährte Strukturen, Vernetzung und Erfahrung. Was die Jugendlichen davon brauchen, holen sie sich. Niemand drängt etwas auf.

Jugendliche sind gefordert, Ressourcen selbst zu erschliessen auf eine Art, wie es nur junge Menschen tun können. Sie reiten sich in echte Probleme hinein, halsen sich Dinge auf, an denen sie zunächst scheitern. Und dann tragen sie dieses Scheitern mit ihren echten Fragen zu einem Erwachsenen oder Pensionierten, der in diesem Feld zu Hause ist. Es gibt kaum Erwachsene, die dann widerstehen könnten, weiterzuhelfen. Das sind die Momente, in denen bei zwei Menschen etwas aufgeht, das kein Budget kaufen kann. Das Basecamp lebt von dieser Energie (mehr dazu in Kapitel 8).

Das Colearning Basecamp ist eine Umgebung, die Entwicklung ermöglicht. Es ist kein Bildungsdienstleister, der Abschlüsse garantiert. Wir vertrauen den Jugendlichen. Die Verantwortung für den eigenen Weg liegt bei ihnen. YOLU, Colearning und die erweiterte Community bieten das Grundgerüst, stellen Werkzeuge bereit, schaffen Zugänge und vermitteln Mentorings. Aber ob jemand die Matura anstrebt, ein Unternehmen aufbaut oder einen Lehrabschluss erlangt, hängt von der eigenen Initiative ab. Das ist keine Schwäche des Konzepts. Es ist sein Kern. Wir versprechen nicht, dass alles gelingt. Wir versprechen, jetzt zu beginnen, das Mögliche zu bauen und es weiterzugeben, damit es an vielen Orten für viele Menschen Freiräume schaffen kann.

Lernen ist im Kern ein zutiefst individueller Prozess. Der Stamm organisiert seinen Betrieb gemeinsam und soziokratisch, aber er hat keine Definitionsmacht über die Lerninhalte oder Projektziele des Einzelnen. Die Jugendlichen haben die Freiheit, sich temporär aus der Gruppe zurückzuziehen, eigene Pfade zu gehen, anders zu sein. Heterogenität ist nicht eine Toleranzleistung des Stamms, sondern seine Lebensgrundlage.

Verlässliches Mentoring. Alle Jugendlichen haben eine:n Mentor:in mit einem wöchentlichen 1:1. Diese Mentor:innen sind der Boden, auf dem Selbstorganisation erst mutig macht: Wer weiss, dass jemand verlässlich da ist und einen wirklich sieht, traut sich mehr zu. Damit das trägt, sorgt YOLU für Backup – fürs Matching und für die Momente, in denen es klemmt. Und es gilt eine klare Regel: Der Stamm nimmt nicht mehr Jugendliche auf, als er Mentor:innen hat (siehe Kapitel 7).

Am Geld soll es nicht scheitern. Das Basecamp ist mit Abstand die günstigste Vollzeit-Ausbildung, die wir kennen – und trotzdem ist es für manche Familien viel Geld. Den Grundpreis trägt die Familie, den Aufbau darüber das Dorf, Härtefälle der Stipendienfonds; und wer im Basecamp lebt, kann den eigenen Anteil bald aus der eigenen Beute mittragen (Details in Kapitel 8.2). Das ist keine Wohltätigkeit, sondern Eigeninteresse: Ein Stamm, in dem nur Jugendliche aus gut situierten Familien sitzen, wäre ärmer – an Perspektiven, an Energie, an Glaubwürdigkeit. Gerade die Jugendlichen, für die das Basecamp Heimat sein will, dürfen nicht draussen bleiben.

Niemand bleibt draussen. Kein junger Mensch wird aufgrund von Armut, familiärer Instabilität, Neurodivergenz, Behinderung oder Migrationsbiografie ausgeschlossen. Wir filtern nach dem Wollen, nicht nach Herkunft, Diagnose oder Lebenslauf (siehe Kapitel 5.2 und 8.2).

Weitergeben. Aus einem Basecamp sollen viele werden. Das geschieht nicht durch eine Zentrale, die expandiert, sondern durch Weitergabe: Erfahrene Jugendliche bringen Neuen den Rhythmus bei und werden selbst zu Mentor:innen. Ein Stamm, der lebt, bringt junge Menschen hervor, die selbst losziehen und anderswo einen neuen Stamm gründen. Erprobte Vorlagen, Handbücher und Geschichten wandern von Ort zu Ort und machen jeden nächsten Start leichter. So wird aus einem Funken ein Lagerfeuer und aus einem Lagerfeuer viele. Diese Weitergabe ist die eine Sache, in die YOLU bewusst Zeit und Sorgfalt investiert – gerade damit es überall sonst wenig braucht. Denn eine Bewegung wächst nicht dadurch, dass einer grösser wird, sondern dadurch, dass viele weitergeben (siehe Kapitel 9 und 12).

2. Die Form

Die Community und die Umgebung sind das Curriculum. – Colearning Framework

2.1. Drei Zonen

Der Alltag im Basecamp folgt drei Zonen. Sie sind keine Fächer und keine Stundenpläne, sondern Räume, in denen sich unterschiedliche Formen des Lernens entfalten. Jede dieser Zonen hat zwei Richtungen: Geben und Empfangen. Wer nur empfängt, wird zum Konsumenten. Wer nur gibt, brennt aus. Die Qualität des Basecamps entsteht, wo beides in der Balance ist. Die Zonen folgen dem Rhythmus-Modell des Colearning Frameworks.

STAMM – Heimat finden & Heimat pflegen (~20%)

Ich werde gesehen.

Der Stamm ist das Zuhause. Hier darf man sein, bevor man etwas leistet. Gesehen werden heisst hier: nicht beurteilt, nicht benotet, sondern wahrgenommen und gewürdigt. Wir leihen uns dafür den Gruss der Na'vi: Oel ngati kameie – "Ich sehe dich". Gemeint ist mehr als ein Blick: das Erkennen des Gegenübers in seiner Ganzheit. Selbstlernen ist ein scheues Tier: Es kommt nur, wenn es sicher ist, und bleibt nur, wo es Resonanz findet. Diese Resonanz entsteht nicht im Programm, sondern im Alltäglichen: in den gemeinsamen Mahlzeiten, im Füreinander-Kochen, in den Check-ins, in den beiläufigen Gesprächen. Das ist die Community, in der man lebt.

Der Stamm ist aber auch das, was man mitträgt und pflegt. Jugendliche sind nicht Gäste am Host-Ort. Sie sind Mitwirkende, die am Leben des Ortes teilnehmen und ihn mittragen. Dazu gehören die konkrete Arbeit im Betrieb (Empfang, Events, Raumgestaltung, Reparaturen, Kommunikation, Admin, fürs Kochen verantwortlich sein) und die aktive Teilhabe an Stamm-Entscheidungen in den Circles. Hier lernt man, dass Gemeinschaft etwas ist, das gemeinsam getragen wird.

Geben: ~20% der Zeit für Hosting, Betrieb des Host-Ortes, Mitverantwortung, Beitrag zur Kultur, Pflege der Community.
Empfangen: Heimat, Zugehörigkeit, Sicherheit, Gesehenwerden, Vorbilder im Alltag.

JAGD: Losziehen & Wirken (~60%)

Ich werde gebraucht.

Die Jagd ist der Raum, in dem Wirkung entsteht. Hier sind die Jugendlichen ihr eigener Motor: ein Lernunternehmen gründen, Kundenprojekte umsetzen, sich auf eine Matura-Prüfung vorbereiten, Handlungskompetenzen für ein EFZ sammeln, ein künstlerisches Werk schaffen, sich für eine Sache engagieren, ein eigenes Vorhaben verfolgen, das sonst nirgends hinpasst. Was gerade dran ist, entscheiden die Jugendlichen – in Absprache mit Mentor:innen. Eine ganze Phase kann sogar an einem anderen Ort stattfinden als Wanderschaft. Genau diese Beweglichkeit ist ein grosser Gewinn.

Wirken ist mehr als Markt. Etwas zu unternehmen heisst im Wortsinn loszugehen und in der Welt wirksam zu werden – nicht zwingend, etwas zu verkaufen. Darum sind auch Kunst, Care-Arbeit, Regeneration, politisches Denken, Zeit in der Natur und innere Klärung vollwertige, geschützte Formen der Jagd. Ein Vorhaben muss weder bezahlt noch verkäuflich noch öffentlich sein, um als wertvolle Beute zu gelten. Stamm und Dorf tragen und würdigen ausdrücklich auch, was als Commons entsteht oder dem Gemeinwohl dient – denn vieles, was zählt, trägt keinen Preis (siehe Kapitel 8.7).

Jagd ist aber nicht nur eigenständiges Losziehen. Sie ist auch LOPILearning by Observing and Pitching In. Jugendliche lernen, indem sie bei Unternehmer:innen, Handwerker:innen und Fachleuten mitlaufen: ein Gespräch in der Kaffeepause, ein Blick über die Schulter einer Designerin, ein spontanes Mithelfen bei einem Event oder die Co-Leitung einer Sitzung. Möglichst jede Woche sollen die Jugendlichen solche LOPI-Begegnungen erleben.

Die Jagd produziert zwei Dinge: Beute (Wirkung, Ertrag, Nutzen oder Beitrag zum Gemeinwohl) und Lernschätze (Erkenntnisse aus Gelingen und Scheitern). Beides ist essentiell: Die Beute wird zurückgebracht in den Stamm und gemeinsam gefeiert. Ein Teil davon ernährt die Jäger:innen selbst und ein Teil der Beute wird mit dem Stamm geteilt (siehe 3-Töpfe-Prinzip). Die Lernschätze werden auf der eigenen Page sichtbar gemacht und als Portfolio dokumentiert. Und sie werden in Schatzhebungstreffen mit dem Stamm geteilt. Die Jagd ist ernsthaftes Spiel: Wirkung entsteht hier nicht trotz, sondern dank der Freiheit, ergebnisoffen zu experimentieren (siehe Kapitel 2.5).

Geben: Wirkung, Produkte, Dienstleistungen, Nützlichsein in der Gesellschaft, Beute und Lernschätze teilen.
Empfangen: Wissen durch Mitmachen, Zugang zu Profis, Kundschaft, echte Aufträge, Vergütung.

LAGERFEUER: Empfangen & Weitergeben (~20%)

Ich gebe weiter.

Das Lagerfeuer ist der Ort der Verdichtung. Am Lagerfeuer werden Erfahrungen zu Einsicht, Erlebtes zu Gelerntem, Zufälliges zu Wissen. Das geschieht in fixen Formaten: wöchentliches 1:1-Mentoring, Schatzhebung als Gruppe, Pflege der eigenen Page als digitales Portfolio. Und es geschieht in beiläufigen Momenten: wenn Expert:innen aus dem Coworking eine Stunde teilen, wenn ein:e Mentor:in eine Geschichte erzählt, die nachwirkt.

Lagerfeuer ist aber auch Weitergeben. Reflexion ist im Basecamp keine Privatsache: Was Einzelne lernen, wird durch Weitergabe zu kollektivem Wissen. Jugendliche schreiben auf ihrer öffentlichen Page, teilen Lernschätze, bringen Neuen den Rhythmus bei, helfen einander bei Matura-Themen, verfassen Posts oder kleine Tutorials. Der letzte Schritt im Colearning Mentoring heisst nicht zufällig Weitergeben.

Geben: Schreiben, Lehren, Einarbeiten von Neuen, sichtbares Teilen der eigenen Jagd. Empfangen: Mentoring, Experten-Impulse, Reflexion, Peer-Feedback.

2.2. IKIGAI: der Kompass des Wirkens

Damit jede:r den eigenen Weg findet, nutzen wir im Basecamp einen einfache Kompass mit vier Feldern: im Mentoring, beim Aufsetzen eines Lernunternehmens, beim Sortieren der eigenen Gedanken. Sie ist als IKIGAI bekannt. (Wir nutzen die populäre Vier-Felder-Version als praktisches Werkzeug, nicht die japanische Lebensphilosophie dahinter.)

  • Was du liebst: was dir Freude macht, wofür du die Zeit vergisst.
  • Worin du gut bist: deine Stärken, dein Können, dein Handwerk.
  • Was die Welt braucht: wo es ein echtes Problem, eine echte Nachfrage, einen echten Beitrag gibt – für Kund:innen, für die Gemeinschaft und für die lebendige Welt, die uns trägt.
  • Wofür du bezahlt werden kannst: echten Wert für andere schaffen.

Wo sich zwei Felder überschneiden, entstehen Leidenschaft, Mission, Berufung und Karriere. In der Mitte, wo alle vier zusammenkommen, liegt das, wofür es sich lohnt, morgens aufzustehen.

Warum dieser Kompass ins Basecamp gehört, zeigt eine einfache Beobachtung. Die Schule arbeitet, wenn es gut läuft, an zwei Feldern: "worin du gut bist" und ein wenig "was du liebst". Die beiden anderen kommen kaum vor. "Was die Welt braucht" lernt man nicht im Schulzimmer, sondern draussen, bei echten Menschen mit echten Problemen. Und "wofür man bezahlt werden kann" schon gar nicht. Genau diese zwei fehlenden Felder sind das Zuhause des Unternehmerischen und das Herz des Basecamps. Wer das, was er liebt und gut kann, mit dem verbindet, was die Welt braucht und wofür sie zahlt, steht mitten im unternehmerischen Tun (siehe Lernunternehmer:in, Kapitel 7).

Die vier Felder sind kein Test, der ein für alle Mal sagt, wer du bist, sondern ein Kompass, an dem man wächst. Jedes Feld lässt sich entwickeln: Man kann besser werden, Neues lieben lernen, die Welt genauer hören und lernen, für echten Wert auch Geld zu nehmen. Im Mentoring beginnt man oft bei "worin du gut bist" und "was du liebst" und tastet sich dann hinaus zu "was die Welt braucht" und "wofür man bezahlt werden kann". Fehlt ein Feld, spürt man es: viel Können ohne Weltbezug fühlt sich an wie "zufrieden, aber nicht gebraucht", Begeisterung ohne tragfähiges Einkommen wie "voller Feuer, aber unsicher". Der Kompass macht solche Lücken sichtbar und zeigt, wo der nächste Schritt liegt.

2.3. Persönliche Page als Portfolio

Das Portfolio im Basecamp ist nicht auf einer fremden Plattform. Es lebt auf einer Page unter eigenem Domainnamen, z.B. als vornamenachname.ch, oder einen Namen, den sie sich selber geben.

Warum das wichtig ist: Soziale Netzwerke kommen und gehen. Wer auf einer Plattform baut, baut auf Sand. Wer auf der eigenen Page mit eigenem Domainnamen baut, baut auf etwas, das ihm gehört, das niemand wegnehmen kann, das mit ihm wachsen und weiterziehen kann.

Im Basecamp registriert jede:r Jugendliche in den ersten Wochen seine eigene Page und richtet sie ein. Das Basecamp nutzt Lilo Page als Technologie, weil sie das einfach und günstig macht. YOLU hat sie genau dafür entwickelt – und sie hilft heute schon vielen, ihr Lernen und ihre Kompetenzen in einem Portfolio für die eigene Karriere sichtbar zu machen.

Wichtig für Lifelong Learning mit Lilo: Der Domainname gehört der Person, nicht der Plattform. Inhalte sind exportierbar. Wer später eine andere Technologie nutzen will, nimmt seine Inhalte mit.

Was auf der Page entsteht über die Jahre:

  • Tages-Notiz: das tägliche Signal vom eigenen Weg – ein kurzer Einblick in das, was gerade läuft oder gelaufen ist
  • Projekte: gestartete und abgeschlossene Projekte, Lernunternehmen, Kund:innen-Feedback, Dokumentierte Erkenntnissen
  • Inspiration: Bücher, Menschen, Videos, Orte, Werkstücke, die einen umtreiben. Was inspiriert mich? Wo kommen meine Gedanken her?
  • Reflexionen: das, was am Lagerfeuer entsteht und schriftlich Form findet
  • Wanderschaft: Geschichten, Bilder, Lernschätze von unterwegs
  • Weitergabe: was ich gerade gelernt habe und so erkläre, dass es jemand anderes nutzen kann
  • Badges: Kompetenzen, die in den Projekten, Unternehmen und Lernvorhaben gereift sind

Eine eigene Page voller Projekte, Reflexionen und Kompetenz-Badges ist für künftige Arbeitgebende und Kund:innen aussagekräftiger als jedes Zeugnis. Sie ist der Beweis: Das ist, was diese Person tatsächlich tut. Das ist der Stoff, aus dem sie gemacht ist.

2.4. Wanderschaft

Weil das Basecamp keine Jahrgangsklasse und keinen fixen Stundenplan hat, ist etwas möglich, was in Schule und konventioneller Berufslehre meist undenkbar ist: Jugendliche können Wochen oder Monate an anderen Orten lernen und arbeiten.

Das knüpft an eine alte Tradition an: die Walz der Zimmerleute. Sie wanderten von Stadt zu Stadt, arbeiteten überall, wo sie wollten, gegen Kost, Logis und ein kleines Wegegeld. Sie kamen zurück als Meister, weil sie Orte und Menschen gesehen hatten, weil sie sich in fremden Werkstätten bewährt hatten, weil sie sich selbst in der Welt einordnen konnten.

Genau das ist Wanderschaft im Basecamp. Jugendliche ziehen los, einzeln oder als Gruppe, für eine bestimmte Zeit, immer mit den zwei Fragen von Geben und Empfangen:

  • Geben: Wie schaffen wir für die Menschen an diesem Ort einen Wert?
  • Empfangen: Wo gibt es inspirierende Menschen und Umgebungen, von denen wir lernen können?

Der Beitrag ist der Schlüssel. Wer auf Wanderschaft geht, kommt nicht als Tourist:in, sondern beobachtet und macht sich nützlich (wie bei LOPI). Kost, Logis und die Zeit von Expert:innen bekommt man nicht geschenkt, man verdient sie durch Nützlichsein.

Ein reales Netzwerk steht bereit. Das Basecamp ist eingebettet in befreundete Orte, die als erste Horizonte dienen: das Schweizer Coworking-Netzwerk Corelated – Effinger, Hyve, Tessinerplatz und weitere; verwandte Colearning-Orte wie das Urbane Dorf Webergut, das Kulturlabor Schaffhausen oder der Lernort im Tösstal; und international Maker Spaces, Ateliers und Handwerksbetriebe in ganz Europa. Die Welt wird zum Lern- und Lebensort. Und diese Orte sind nicht nur Ziele: An manchen können selbst neue Stämme entstehen (siehe Kapitel 12).

Der Stamm bleibt Heimat. Wanderschaft heisst nicht, den Stamm zu verlassen, sondern ihn als Basis zu haben. Was unterwegs gelernt wird, kommt als Geschichte ans Lagerfeuer und auf die eigene Page zurück und wird zu kollektivem Wissen.

Organisation. Jede Wanderschaft wird im Mentoring vorbereitet und auf Distanz begleitet: Warum dieser Ort? Was ist der Beitrag? Wer sind die Gastgeber:innen? Es gelten die Schutz-Grundsätze – Jugendliche ziehen nicht allein los, Ziel, Gastgeber:innen und Dauer sind mit den Eltern abgesprochen (siehe Kapitel 10.4).

2.5. Der Ernst des Spiels

Eine der hartnäckigsten Lügen der Industriezeit ist die Trennung von "Ernst des Lebens" und "Spiel". Sie steckt so tief, dass sie sogar dieses Konzept zu prägen droht: Wer ständig von echtem Risiko, echten Rechnungen und Beute liest, könnte meinen, im Basecamp gehe es nur ums Liefern. Das Gegenteil ist gemeint.

Spiel ist im Menschen keine Pause vom Lernen, sondern sein ältester Motor. Im freien Spiel erproben wir Gefahren, handeln soziale Regeln aus und finden emotionale Stabilität (siehe Spieltrieb und Playfulness im Colearning Framework). Und die Jagd selbst ist ernsthaftes Spiel (Deep Play): Ob jemand ein Geschäftsmodell entwirft, für dreissig Leute kocht oder einen Prototyp baut – es geschieht im selben Modus, in dem ein Kind stundenlang an einem Staudamm baut. Höchste Konzentration, echter Einsatz und zugleich die Freiheit, dass es schiefgehen darf. Diese Spielhaltung ist nicht das Gegenteil von Ernst, sondern seine fruchtbarste Form. Nur wer spielt, kann verlieren, ohne zu zerbrechen – und genau das brauchen junge Menschen, die etwas wagen.

Eine zweite Annahme der Industriezeit sitzt ebenso tief: dass Arbeit im Kern Anstellung zum Lohnerwerb sei. Dabei ist die feste Lohnanstellung die historische Ausnahme – entstanden mit der Fabrik, etwa zur selben Zeit wie die industrielle Schule. Davor und daneben gilt: Menschen unternehmen etwas. Wir sind von Natur aus zu Unternehmer:innen geboren – nicht zu Befehlsempfänger:innen. Genau dieses allgemeine Unternehmertum meint das Basecamp mit "unternehmerisch": eine Idee ergreifen und in der Welt schöpferisch wirksam werden. Das unternehmerische Denken bleibt für alles zentral, aber es ist grösser als der Markt (siehe die erweiterte Jagd, Kapitel 2.1).

Daraus folgen Haltungen, die durch das ganze Basecamp ziehen:

  • Wir verzwecken nicht alles. Nicht jede Stunde muss einem Kundennutzen oder einem Kompetenz-Badge dienen. Ein Seitenprojekt aus reiner Neugier, ein Experiment ohne Geschäftsmodell, ein Nachmittag zum Tüfteln – das ist kein verlorener Output. Es ist wertvoll in sich und nicht selten auch die Quelle der nächsten Idee.
  • Spiel lässt sich nicht verordnen. Eine vorgeschriebene "Spielstunde" wäre schon keine mehr. Das Basecamp schützt darum Spielraum, statt ihn zu organisieren – es verteidigt unverplante Zeit gegen den Sog der Produktivität, so wie die Rituale Halt gegen das Chaos geben.
  • Wir leben es vor. Spielfreude ist im Stamm kein Privileg der Jüngsten. Auch Mentor:innen und Kompliz:innen dürfen anfängerhaft, neugierig und verspielt sein – gerade weil sie es im Berufsleben oft verlernt haben.

Dass die Journey nach aussen spielbar ist (siehe Kapitel 5.3 und 13), ist deshalb kein Marketing-Gag, sondern der sichtbare Ausdruck einer inneren Kultur: Wir spielen die Einführung, weil wir auch das Lernen und Wirken spielerisch ernst nehmen.

3. Abschlüsse und Wege

Im Basecamp gibt es viele Wege, das Gelernte sichtbar zu machen. Der Hauptweg ist die eigene Page mit dokumentierten Projekten, den täglichen Notizen und den Kompetenz-Badges. Daneben können Jugendliche, wenn sie wollen, gezielt formale Abschlüsse erwerben, als zusätzliche Sichtbarmachung. Das ist der Kern von diesem Weg: Gymnasium und Lehre führen über die Schulbank zu Matura und EFZ – im Basecamp sind dieselben Abschlüsse erreichbar, aber über echtes Wirken ohne Unterricht.

Wichtig: Abschlüsse sind keine Strukturvorgabe des Basecamps. Die Anforderungen von swissuniversities oder des Berufsbildungsamtes sind Aussenwelten mit eigenen Regeln. Die Jugendlichen tragen die Verantwortung und nutzen die Infrastruktur des Basecamps, um sich diese Aussenwelten zu erarbeiten. Nicht das Basecamp bereitet auf die Prüfung vor, sondern die Jugendlichen eignen sich die Prüfung als einen Schritt für ihr Portfolio an. Über das Mentoring-Netzwerk können sie sich dafür Wissen, Lerngruppen und Begleitung holen.

3.1. Internationale Matura (A-Levels)

Die International A-Levels aus England sind ein weltweit anerkannter, modularer Hochschulzugang. Die Vorteile für Jugendliche:

  • Nur 6 Fächer statt 12+ wie bei der eidgenössischen Matura
  • Freie Fächerwahl nach individuellen Stärken
  • Prüfungen dreimal jährlich, beliebig wiederholbar
  • Vorbereitung im Selbststudium möglich (mit Videos, Tutorials, Lerngruppen, Büchern)

Typische Dauer bis zur vollen Matura: 2–4 Jahre bei Teilzeitvorbereitung.

Die Freiheit des A-Level-Systems ist gross, aber für die Zulassung an Schweizer Hochschulen gelten klare Anforderungen (geregelt durch swissuniversities). Diese sind von Anfang an mitzudenken. Für die Vorbereitung gibt es Unterstützung im Maturanda-Netzwerk.

3.2. EFZ über Berufserfahrung

Das EFZ ist der Schweizer Berufsabschluss. Wer ein EFZ (eidgenössisches Fähigkeitszeugnis) oder ein EBA (eidgenössisches Berufsattest) anstrebt, kann es auch ohne klassische Lehre erwerben, allein aus der Berufserfahrung heraus, die im Basecamp ohnehin entsteht. Dafür gibt es zwei anerkannte Wege ohne Lehrvertrag, beide mit demselben Abschluss am Ende.

Der bevorzugte Weg im Basecamp: die Validierung von Bildungsleistungen (Art. 31 BBV). Statt eine Prüfung abzulegen, weist man die vorhandenen Handlungskompetenzen in einem strukturierten Dossier nach, das Fachexpert:innen am offiziellen Berufsbild messen. Das passt genau zu unserer Art zu arbeiten: dokumentierte Projekte, gesammelte Belege, ein gewachsenes Portfolio – das Validierungsdossier ist im Grunde das Portfolio in formaler Form. Keine Prüfung, kein Prüfungsstress. Damit haben wir bei YOLU und Colearning schon gute Erfahrungen gemacht, so dass Personen bei uns auf diesem Weg bereits erfolgreich ein EFZ erlangen konnten.

Für Berufe, wo es (noch) keine Validierung gibt: die direkte Zulassung zur Abschlussprüfung (Art. 32 BBV). Hier legt man dieselbe Abschlussprüfung ab wie reguläre Lernende, ohne den schulischen Bildungsgang besucht zu haben. Dieser Weg steht in fast allen der rund 250 Berufe offen und ist landesweit der häufigste erfahrungsbasierte Abschluss. Er verlangt zwar eine Prüfung, öffnet dafür praktisch jede Tür.

Berufe mit Validierungsverfahren (Stand Juni 2026)

Die Validierung gibt es nur in Berufen, für die eine Trägerschaft ein anerkanntes Verfahren aufgebaut hat – Stand Juni 2026 national 15 Grundbildungen:

Assistent/in Gesundheit und Soziales EBA · Detailhandelsfachfrau/-mann EFZ · Fachfrau/-mann Betreuung EFZ · Fachfrau/-mann Gesundheit EFZ · Goldschmied/in EFZ · ICT-Fachfrau/-mann EFZ · Informatiker/in EFZ · Kauffrau/-mann EFZ · Köchin/Koch EFZ · Logistiker/in EFZ · Maurer/in EFZ · Mediamatiker/in EFZ · Medizinische/r Praxisassistent/in EFZ · Produktionsmechaniker/in EFZ · Restaurantfachfrau/-mann EFZ.

Nicht jeder Kanton führt jedes Verfahren selbst durch (Wohnkantone weisen sonst einer zuständigen Stelle zu), und die Liste wächst mit den Berufsrevisionen. Massgebend und aktuell bleibt darum «Validierungsverfahren» auf berufsberatung.ch. Wo dein Wunschberuf (noch) nicht dabei ist, führt die direkte Prüfungszulassung (Art. 32 BBV) zum Ziel.

Was das konkret erfordert

Beide Wege setzen mindestens fünf Jahre Berufserfahrung voraus – aber das ist leichter erreichbar, als es klingt. Entscheidend sind je nach Beruf rund drei Jahre im Zielberuf; die übrigen ein bis zwei Jahre zählen mit, ganz gleich, was du in dieser Zeit gearbeitet hast. Als Berufserfahrung gelten Anstellung, Selbstständigkeit (auch das eigene Lernunternehmen zählt) und Praktikum, Teilzeit anteilig gerechnet. Für die Jugendlichen bedeutet das:

  • Von Anfang an dokumentieren: Arbeitszeugnisse, Projektbelege, Rollenbestätigungen und Portfolio-Einträge werden systematisch gesammelt. Spätes Nachdokumentieren gelingt fast nie.
  • Projekte den Handlungskompetenzen zuordnen: Jede Kundenarbeit und jedes Projekt wird bewusst den offiziellen Kompetenzfeldern des Berufsbilds zugeordnet – der Kern der Validierung.
  • Begleitung: YOLU vermittelt Wissen und Mentoring zum Aufbau des Portfolios, zur Wahl des passenden Wegs und zur Aufbereitung des Validierungsdossiers. Anlaufstelle für beide Verfahren ist das Berufsbildungsamt des Wohnkantons.

3.3. Portfolio – immer häufiger der sinnvolle Weg

Nicht jede:r braucht einen formalen Abschluss. Vieles deutet darauf hin, dass gezeigte, dokumentierte Kompetenz an Bedeutung gewinnt. Auftraggebende und Kund:innen schauen hier zuerst darauf, was jemand tatsächlich kann und schon gemacht hat. Das Portfolio auf der eigenen Page – mit spannenden Projekten, Referenzen von Expert:innen, Kundenfeedbacks und Kompetenz-Badges – kann für künftige Arbeitgebende oder eine Selbständigkeit darum aussagekräftiger sein als ein Zeugnis.

Das gilt aber nicht überall gleich: In regulierten Berufen und für klassische Anstellungen bleibt der formale Abschluss wichtig, und das nehmen wir ernst. Abschlüsse bieten wir deshalb als das an, was sie sind: eine Brücke für die Übergangszeit und eine Beruhigung für Umfeld und Familie – eine Option, kein Zwang. Wer auf das Portfolio setzt, soll das bewusst und mit offenen Augen tun: Für viele Wege ist es das tragfähige Fundament, und wo ein Abschluss zählt, kann er im Basecamp angestrebt werden.

3.4. Wechsel, Austritte, Umwege

Eine Form von Sichtbarmachung, die selten besprochen wird, ist das Wechseln des Weges selbst. Jugendliche, die nach ein paar Monaten merken, dass etwas anderes als das Basecamp besser passt und zum Beispiel in eine Berufslehre wechseln, haben etwas Wichtiges geleistet: sie haben gewirkt, ausprobiert, wahrgenommen und entschieden. Wer ein Lernunternehmen startet und merkt, dass das Produkt nicht trägt, hat unternehmerisch gelernt. Wer mitten in einer Wanderschaft krank wird und zurückkommt, ohne das Geplante zu vollenden, hat trotzdem eine Geschichte.

Im Basecamp werden solche Wechsel nicht versteckt. Sie werden – wenn die Person das will – auf der eigenen Page dokumentiert. Wechsel sind nicht das Versagen des Stamms oder der Person, sondern eine Form, in der das Leben seine Vielfalt zeigt. Wer auf einen anderen Weg wechselt, wird gleich gefeiert wie die, die bleiben. Und wenn diese Übergänge gelingen, so bleiben schöne Beziehungen zur Community ein Leben lang erhalten.

4. Rituale

Es gibt Rituale als Ankerpunkte auf vier Ebenen: Tag, Woche, Monat und Jahr. Sie geben dem Stamm Halt und einen Puls. Dazwischen gestalten die Jugendlichen ihre Zeit selbst.

4.1. Täglich

  • Gemeinsame Kaffeepausen und Mittagessen: Nicht jeden Tag formal, aber regelmässig. Beziehungen entstehen nicht im Meeting, sondern beim Brot teilen.
  • Tages-Notiz: Ein kleines Stück Prozess auf der eigenen Page teilen – das tägliche Signal vom eigenen Lagerfeuer an den Stamm und die Welt. Zwei Sätze, ein Foto oder eine Skizze. Kein geschlecktes Endprodukt, sondern Rohmaterial. Prozess statt Produkt. Immer mit der Frage: Wo bin ich heute gerade dran? Der Leitsatz: Kein Tag ohne Notiz.

4.2. Wöchentlich

  • Weekly: Wöchentliche Treffen des Stammes (15–30 Min.). Wie geht es mir? Was steht an? Koordination der gemeinsamen Aufgaben im Stamm. In der Anfangsphase steht YOLU für ein wöchentliches Sparring und Coaching im Weekly bereit.
  • Mentoring: Ein wöchentliches 1:1-Meeting (30–60 Min.). Entlang der fünf Schritte des Colearning Mentorings (Dankbarkeit, Herausforderungen, Inspiration, Sichtbarkeit, Weitergeben).
  • Stamm-Einsätze: Mitwirken vor Ort bei Hosting, Events, Betrieb, Community. (ca. 1 Tag/Woche, verteilt).
  • LOPI-Beteiligung: Mitlaufen bei einer Unternehmer:in, einem Betrieb, einer Werkstatt. Beobachtungen auf der eigenen Page festhalten.
  • Wochen-Post: Einmal pro Woche ein grösserer Beitrag auf der eigenen Page – ein Projekt-Update, eine Reflexion, ein ausführlicher erzählter Lernschatz. Die täglichen Notizen sind das Rohmaterial, der Wochen-Post ist die Verdichtung. Diese Beiträge belegen mit der Zeit die Kompetenz-Badges des Portfolios.
  • Weisse Fläche: bewusst unverplante Zeit, die der Stamm freihält – zum Tüfteln, Lesen, Spazieren, für ein Seitenprojekt ohne Zweck. Sie wird nicht organisiert und nicht eingefordert, sondern verteidigt. Oft liegt genau hier die Beute, nach der niemand gesucht hat (siehe Kapitel 2.5).

Was eine Woche ausserdem haben kann – je nach Phase und Person: Ein ganzer Tag an einem Kundenprojekt, stilles Selbststudium für eine A-Level-Prüfung, eine Peer-Lerngruppe, eine Experten-Stunde mit jemandem aus dem Coworking, ein freier Nachmittag zum Denken, Lesen oder Spazieren. Wie die Woche konkret aussieht, entscheiden die Jugendlichen im Wochenstart und im Mentoring.

4.3. Monatlich

  • Schatzhebung: Ein Treffen als Stamm und erweiterte Community. Jede:r teilt seine "Beute" oder einen "Lernschatz". Das kann auch aus den Tages-Notizen oder den Posts aus der eigenen Page sein. Erfolge und Misserfolge werden gefeiert.
  • Stamm-Meeting: Rund einmal im Monat geht der Stamm gemeinsam durch die Ereignisse der letzten Wochen und fällt soziokratische Entscheidungen. Welche Muster zeigen sich? Welche Themen kommen immer wieder? Welche blinden Flecken hat der Stamm? Wo müssen wir etwas anpassen? Hier entscheidet der Stamm zudem im Konsent über die Finanzen des Stamm-Topfs: über das gemeinsame Geld für Erlebnisse, Retreats, Anschaffungen oder Investitionen in Lernunternehmen (siehe Kapitel 8.4).
  • Stamm-Erlebnis: Einmal im Monat unternimmt der ganze Basecamp-Stamm etwas gemeinsam, das aus dem Alltag herausragt. Halb- oder ganztägig, mal drinnen, mal draussen, mal ruhig, mal abenteuerlich: ein gemeinsamer Kochabend mit Gästen, ein Ausflug in die Berge, der Besuch einer Ausstellung, ein Arbeitstag im Wald, Schlittschuhlaufen, Sternwarte besuchen, ein Konzert, eine Kletterhalle. Was konkret passiert, entscheiden die Jugendlichen selbst. YOLU unterstützt in der Umsetzung – vor allem in der Anfangsphase.

4.4. Jährliche Landmarken

  • Retreats: Zwei- bis dreitägige Retreats oder Stamm-Reisen. Mit Übernachtung, gemeinsamem Kochen und längeren Gesprächen. Teams formen sich, grosse Fragen werden besprochen, Jahres-Vorhaben geschmiedet. Diese Retreats sind auch die natürlichen Momente, um Mentor:innen, Kompliz:innen, Alumni und Familien gezielt einzuladen.

5. Der Weg hinein

Der Weg hinein ist eine bewusste Entscheidung. Drinsein ist Training für die Selbständigkeit. Und der Weg hinaus ist leicht und wird gefeiert (siehe Kapitel 3.4).

Das Basecamp trägt sich aus eigener Kraft und muss niemanden überreden. Wir müssen keine bestimmte Anzahl erreichen. Diese Unabhängigkeit erlaubt Ehrlichkeit in beide Richtungen: Ein Ja ist ein echtes Ja. Und ein Nein kann es auch geben. Denn lieber früh und freundlich zur passenden Umgebung raten, als jemanden in ein halbes Jahr Frust hineinlaufen zu lassen.

5.1. Community First

Das Basecamp ist Selbstlernen in Gemeinschaft – die Gemeinschaft ist keine Beigabe, sondern die Voraussetzung (siehe Kapitel 6.3). Für den Einstieg heisst das: Man tritt nie einem Programm bei, sondern immer einer konkreten Community. Ein Basecamp ohne Community gibt es nicht.

Konkret:

  • Gestartet wird gemeinsam in Bern. Der erste Stamm lebt im Effinger Coworking Space. Wer mitmachen will und an seinem Wohnort (noch) keine Community hat, kommt zuerst nach Bern.
  • Weiterziehen ist vorgesehen. Wer nach ein paar Wochen bis Monaten den Rhythmus in den Körper bekommen hat, kann an einem neuen Ort einen Stamm mitgründen – sofern dort gute Voraussetzungen für eine Community sind (siehe Kapitel 12).
  • Gruppendynamik zählt. Ideal ist ein Einstieg in einer Gruppe ab etwa fünf Personen – da entsteht ein Stammgefühl. Dank LOPI ist der Start aber auch mit einzelnen Personen möglich: Der Host-Ort selbst ist die Community, in die man hineinwächst.

5.2. Wen wir suchen – und wann wir auch Nein sagen

Wir achten auf vier Dinge:

  • Der Wunsch nach einem eigenen Weg. Wir suchen nicht die schon Selbständigen, sondern Menschen, die einen eigenen Weg suchen – mal als klarer Tatendrang, mal erst als leises Ahnen. Erschöpfung oder Widerstand nach einem Schul-Trauma sind dabei kein fehlender Wille, sondern Selbstschutz.
  • Neugier. Wer Fragen stellt, losgeht und sich für Menschen und Dinge interessiert, findet im Basecamp viel davon. Wer auf das nächste Arbeitsblatt wartet, wartet hier vergeblich (siehe Kapitel 5.4).
  • Spielfreude. Wer ausprobiert, tüftelt und auch mal etwas ohne Zweck baut, ist hier richtig – Verspieltheit ist kein Gegenteil von Ernsthaftigkeit, sondern ihr Treibstoff (siehe Kapitel 2.5).
  • Tragender Rückhalt. Ideal ist, wenn Jugendliche und Familie den Entscheid gemeinsam tragen. Aber familiäre Instabilität schliesst niemanden aus: Wo die Familie nicht tragen kann, tritt eine Vertrauensperson oder Fürsprecher:in an ihre Stelle (siehe Kapitel 1.9).

Typische Wege zu uns: das Gymnasium angefangen und gemerkt, dass dort der Tatendrang nicht gefragt ist. Für keine Lehre entscheiden können, die zur eigenen Energie passt. Schulfrei gross geworden und bereit für den nächsten Schritt. Oder schlicht: keine Lust mehr, auf das "richtige Leben" zu warten.

Genauso wichtig ist, wonach wir nicht filtern: Noten, Diagnosen, glatte Biografien. Das Heimat-Versprechen aus unserer Vision gilt: wer erschöpft ankommt, still ist oder Umwege hinter sich hat, ist nicht weniger willkommen. Wir filtern nach Eigenantrieb, nicht nach Leistung. Aber wir sind eine Umgebung, kein Dienstleister: Wer ein Programm sucht, das ihn beschäftigt, bespasst und benotet, wird hier nicht glücklich und dem sagen wir lieber früh und freundlich Nein.

Und wir sind ehrlich zu den eigenen Grenzen: keine Therapie, keine psychiatrische Institution, kein Ersatz für professionelle Hilfe. Wer aber bereit ist, einen eigenen nächsten Schritt zu wagen, gehört dazu – auch wenn der nach einem Systemtrauma zuerst nur heisst: ein paar Monate sicher ankommen und auftauen.

Damit bleiben wir auf der Linie des Colearning Frameworks: Colearning Spaces sind offen für alle, die etwas tun und lernen wollen – ohne Hürden durch Zeugnisse oder Alter. Genau das ist unser einziger Filter: das Wollen.

Ein Nein heisst dabei fast immer: nicht jetzt oder nicht hier. Es kommt mit einer ehrlichen Empfehlung, was stattdessen passen könnte. Das ist Teil unserer Fürsprache für alle Jugendlichen, nicht nur für die, die gerade in einem Basecamp sind (siehe Kapitel 13).

5.3. Die Journey: vom Funken zum Feuer

In der Vision steht der Satz: "So wird aus einem Funken ein Lagerfeuer und aus einem Lagerfeuer viele." Das ist nicht nur das Bild der Bewegung – es ist auch der Weg jedes einzelnen Menschen im Basecamp. Die Journey hat vier Levels – Schnuppern, Starten, Wirken, Weitergeben:

Level Was es ist Dauer Übergang
Level 1: Schnuppern (Schnupper-Quests) Testen, ob der Funke springt – beidseitig 1 oder mehrere Tage Standortgespräch mit Empfehlung
Level 2: Starten (Start-Quests) Probezeit: Mitglied auf Probe, der Rhythmus kommt in den Körper ca. 3 Monate Standortgespräch, soziokratische Aufnahme, Vereinbarung
Level 3: Wirken (Haupt-Quests) Volles Mitglied: eigene Projekte und Lernunternehmen, Wertschöpfung, Portfolio – und Weitergeben gehört von Anfang an dazu offen fliessend – sichtbar an den übernommenen Mandaten
Level 4: Weitergeben (Master-Quests) Verantwortung für den Weg anderer: ein eigenes Mentoring übernehmen, Fürsprache tragen, neue Feuer starten freiwillig, typischerweise ab dem zweiten Jahr das erste eigene Mentoring – gefeiert an der Schatzhebung

Jede Stufe besteht aus Quests: konkreten, benannten Erfahrungen, in denen je ein Stück des Basecamps eingeführt wird – ein Ritual, ein Werkzeug, eine Haltung. Jede Quest beantwortet dieselben Fragen: Worum geht es? Was wird dabei eingeführt? Wer begleitet? Und jede hinterlässt etwas Sichtbares auf der eigenen Page.

Damit ist jede Quest dreifach nutzbar: Auf www.colearningbasecamp.org ist sie spielbar (Interessierte erleben die Journey digital, bevor sie echt kommen) und nachlesbar (Neue schauen jederzeit nach, wie etwas geht). Und für die Einführenden – YOLU-Juniors, junge Mentor:innen und erfahrene Colearner:innen – ist dieselbe Quest-Liste das Drehbuch (siehe die Quest-Tabellen in den Kapiteln 5.5 bis 5.7). Konzept, Website und Einführung erzählen dieselbe Geschichte.

Drei Grundsätze gelten für die ganze Journey:

  • Geländer, nicht Lehrplan. Quests sind Standardwege, keine Pflichtaufgabenliste. Reihenfolge und Tempo sind individuell, eigene Quests erfinden ist erwünscht. Verbindlich ist nur das Gemeinsame: die Rituale, die Wirtschaft des Stamms, die Entscheidungsformen. Die Inhalte bleiben frei.
  • Verben, keine Etiketten. Jedes Level beschreibt eine aktive Bewegung – was tust du gerade? –, kein starres Etikett. Alle haben ihre Stimme; zugleich bringen höhere Levels mehr Erfahrung, prägen weitreichendere Entscheidungen und tragen mehr Verantwortung (siehe Kapitel 6.3).
  • Beidseitig und umkehrbar. Jeder Übergang ist ein gemeinsamer Entscheid. Pausen, Wanderschaften und Austritte sind auf jeder Stufe möglich – der Weg hinaus bleibt leicht.

5.4. Level 1: Schnuppern – die Schnupper-Quests

Über die Aufnahme entscheidet kein Bewerbungsdossier, sondern eine Erfahrung. Der Weg hinein hat drei Schritte: ein erstes Kennenlernen (direkt bei uns melden, Fragen stellen, Eltern mitbringen), eine kurze Bewerbung (Wer bist du? Was treibt dich um? Warum willst du diesen Weg gehen?) – und dann das Herzstück: die Schnupper-Quests.

Die Schnupper-Quests sind eine Anfangszeit von einem oder mehreren Tagen, in der beide Seiten testen, wie sich das Ganze anfühlt. Zum Start gibt es ein Survival-Kit:

  • einen eigenen Laptop (selbst mitbringen oder ausleihen)
  • eine eigene Page (mit Domainnamen) als Portfolio, das von Anfang an wächst
  • eine Lernlandkarte des Ortes mit LOPI-Möglichkeiten: Wer arbeitet hier woran? Wo darf man über die Schulter schauen, wo anpacken?
  • Challenge-Karten mit allgemeinen, unternehmerischen Challenges
  • und zwei Sätze: "Finde Lernschätze." und "Mach dich nützlich."

Die Schnupper-Quests sind keine Aufnahmeprüfung und kein Härtetest. Wer aus Jahren des Beschult-Werdens kommt, hat das Sich-selbst-Führen oft verlernt. Es ist antrainierte Hilflosigkeit, und sie ist kein Ausschlussgrund, sondern eine Ausgangslage. Dafür gibt es die Startrampe: Die Challenge-Karten sind abgestuft, von kleinen, konkreten Aufträgen ("Trink einen Kaffee mit jemandem, dessen Beruf du nicht kennst") bis zu offenen Expeditionen. Und ein:e Mentor:in aus dem Stamm ist während der Schnupperzeit ansprechbar. Der Autonomie-Muskel darf hier zu wachsen beginnen.

Die Schnupper-Quests finden mitten im echten Betrieb statt: zwischen arbeitenden Erwachsenen, mit echten Begegnungen, echten Reaktionen, echten Möglichkeiten. Wer mag, sendet schon erste Tages-Notizen über die eigene Page – der Anfang des Portfolios.

Die Quests in Level 1:

Quest Worum es geht Wer begleitet
Ausrüsten Survival-Kit fassen, eigene Page einrichten Mentor:in
Landkarte drei LOPI-Begegnungen: beobachten, mithelfen selbst – die Kompliz:innen am Host-Ort öffnen Türen
Challenge eine Challenge-Karte wählen und durchziehen (Startrampe: abgestuft) Mentor:in
Lernschätze mindestens einen Lernschatz heben und teilen selbst
Tages-Notiz die ersten Notizen senden Mentor:in zeigt, wie
Lagerfeuer eine Schatzhebung als Gast miterleben Stamm
Standort Standortgespräch und Empfehlung Mentor:in und YOLU

Am Schluss steht ein Standortgespräch: Was hast du erlebt? Welche Schätze hast du gehoben? Wie hat es sich angefühlt – für dich und für den Stamm? Daraus entsteht eine ehrliche Empfehlung für das Wie-weiter mit drei möglichen Ausgängen:

  1. Bleiben: der Übertritt in Level 2: Starten.
  2. Ein anderer Weg: mit einer konkreten Empfehlung, was besser passen könnte – und der Schnupperzeit als erstem Portfolio-Stück.
  3. Später wiederkommen: Manchmal stimmt alles ausser dem Zeitpunkt.

5.5. Level 2: Starten – die Start-Quests als Probezeit

Wer nach dem Schnuppern bleibt, startet in Level 2: eine Probezeit von rund drei Monaten mit allem, was dazugehört. Keine Schonfrist, sondern das echte Leben im Stamm. Jetzt kommt der Rhythmus in den Körper und die Grundwerkzeuge des Stamms werden als Start-Quests Stück für Stück eingeführt. Level 2 ist die dichteste Lernphase der Journey, und hier ist YOLU am präsentesten, um den Boden zu bereiten: YOLU stellt die Werkzeuge bereit, begleitet das Matching und sichert den Rhythmus, bis der Stamm immer mehr selbst tragen kann.

Quest Was eingeführt wird Wer führt ein
Deine Page Portfolio-Aufbau, die tägliche Notiz-Routine ("Kein Tag ohne Notiz") und der Wochen-Post als Verdichtung Mentor:in, mit Vorlagen von YOLU
Mentoring das wöchentliche 1:1 entlang der fünf Schritte Mentor:in; Matching durch YOLU und Circle Learning & Mentoring
Wochenrhythmus Weekly, Stamm-Einsätze (~20%), die Pausen- und Mahlzeiten-Kultur Stamm
LOPI lernen, sich spannenden Menschen anzuhängen – immer mit den zwei Fragen: Was kann ich hier lernen? (Empfangen) und Wie kann ich hier einen Wert schaffen? (Geben). Wird zur wöchentlichen Routine (siehe Kapitel 4.2) Mentor:in; Kompliz:innen am Host-Ort lassen mitlaufen
IKIGAI-Kompass die vier Felder als Orientierung kennenlernen (was du liebst, worin du gut bist, was die Welt braucht, wofür du bezahlt werden kannst) und den eigenen Standort darin verorten (siehe Kapitel 2.2) Mentor:in
Erste Jagd eine eigene Lernunternehmens-Idee formulieren Mentor:in
Erste Rechnung ein:e echte:r Kund:in, echtes Geld – natürlich klein anfangen Mentor:in und Kompliz:innen
Drei Töpfe die erste eigene Beute verteilen YOLU und Circle Projects
Soziokratie I den Beratungsprozess kennenlernen, ein Stamm-Meeting miterleben YOLU moderiert, der Stamm lebt es vor
Schatzhebung den ersten eigenen Lernschatz vor dem Stamm präsentieren Stamm
Vereinbarung verstehen und besprechen, was man einander verspricht (siehe Kapitel 5.8) YOLU, gemeinsam mit Jugendlichen und Eltern

Die zwei LOPI-Fragen sind dieselben, die später jede Wanderschaft leiten (siehe Kapitel 2.4) – sie ändern sich nie, nur die Orte werden grösser.

Am Ende von Level 2 steht wieder ein Standortgespräch – und dann entscheidet der Stamm: Die Aufnahme als Colearner:in – der Übertritt in Level 3: Wirken – erfolgt durch die Jugendlichen selbst, in der soziokratischen Wahl (siehe Kapitel 6.2). Sie entscheiden, wer zum Stamm gehört. Das ist keine Formalie, sondern gelebte Selbstführung.

Die Probezeit gilt in beide Richtungen: Auch die Jugendlichen prüfen, ob der Stamm zu ihnen passt. Und wie alles im Basecamp hat auch die Aufnahme ein Ablaufdatum: Die Mitgliedschaft wird periodisch beidseitig bestätigt, nicht stillschweigend verlängert.

5.6. Level 3: Wirken – die Haupt-Quests

Mit der Aufnahme als Colearner:in brennt das Feuer selbst: volles Mitglied, voller Alltag, volle Mitverantwortung. Jetzt fallen die starren Leitplanken: Du baust eigene Projekte und Lernunternehmen, schaffst echten Wert mit echten Kund:innen, trägst echtes Risiko – und baust dein Portfolio. Das Ankommen wird vom ganzen Stamm getragen. Ein:e erfahrene:r Colearner:in begleitet die ersten Wochen. Das Einarbeiten der Neuen ist die Arbeit des ganzen Stamms, denn Weitergeben gehört zum Lernen (siehe Kapitel 2.1). Es beginnt darum nicht erst auf Level 4, sondern gehört von Anfang an dazu: das eigene Lernen sichtbar machen, Lernschätze an der Schatzhebung teilen, Neue durch die Schnupper-Quests begleiten.

Dafür werden in Level 3 die grossen Werkzeuge eingeführt – die Haupt-Quests, verteilt über das erste Jahr, im eigenen Tempo:

Quest Was eingeführt wird Wer führt ein
Circle & Mandat einen Circle wählen, die erste Rolle übernehmen Circle, per soziokratischer Wahl
Soziokratie II den ersten eigenen Vorschlag im Konsent einbringen Stamm; YOLU coacht die Moderation
Lernunternehmen vertieft Buchhaltung, Rechtsformen, Steward-Ownership-Grundsätze YOLU und Kompliz:innen (Treuhand, Jurist:innen)
Stamm-Wirtschaft Budget, Stamm-Topf-Entscheide, Vereinsleben Vorstand und YOLU
Abschlussweg Portfolio, A-Levels oder EFZ über Berufserfahrung wählen; Belege von Anfang an sammeln (siehe Kapitel 3) Mentor:in und YOLU
Wanderschaft die erste Wanderschaft planen und gehen (siehe Kapitel 2.4) Mentor:in; YOLU vermittelt Gastgeber-Kompliz:innen
Jahresrituale ein Stamm-Erlebnis organisieren, ein Retreat mitgestalten Stamm
Schnupper-Quests begleiten für eine:n Neuen durch die Schnupper-Quests hindurch ansprechbar sein Mentor:in als Rückendeckung
Konfliktkultur die drei Schritte kennen und anwenden (siehe Kapitel 6.5) Trust Circle

Mit jedem eingeführten Werkzeug zieht sich YOLU weiter zurück: Was im vorherigen Level noch aktiv eingeführt wurde, holt sich der Stamm jetzt immer mehr im Pull-Prinzip.

5.7. Level 4: Weitergeben – die Master-Quests

Die letzte Stufe ist keine Beförderung, sondern eine Einladung und ein grosser Schritt: Verantwortung für den Weg eines anderen Menschen. Als Colearner:in gibt jede:r schon weiter; auf Level 4 übernimmt jemand ein eigenes Mentoring mit eine:r jüngeren Colearner:in, entlang der fünf Schritte. Das ist der Moment, in dem das Feuer wirklich weiter springt. Dieser Moment wird an einer Schatzhebung gefeiert. Die Master-Quests machen aus Erfahrung Verantwortung:

Quest Worum es geht Rückendeckung
Mentoring übernehmen das wöchentliche 1:1 mit eine:r jüngeren Colearner:in, entlang der fünf Schritte Circle Learning & Mentoring, Backup durch YOLU
Quests einführen Schatzhebung moderieren, die drei Töpfe erklären, Soziokratie moderieren Stamm
Fürsprache Interessierte beim Kennenlernen empfangen, die eigene Geschichte öffentlich erzählen, bei Eltern- und Halbjahresgesprächen dabei sein YOLU
Neue Feuer starten Wanderschafts-Gäste hosten, allenfalls einen neuen Stamm mitgründen (siehe Kapitel 12) YOLU und Kompliz:innen aus dem Netzwerk

So entlastet der Stamm sich selbst und wird unabhängiger von externen Erwachsenen (siehe Kapitel 7.2). Und die Journey schliesst sich: Aus einem Funken wurde ein Feuer – und aus dem Feuer springen neue Funken.

5.8. Die Vereinbarung

Am Übergang vom Schnuppern zur Probezeit schliessen die Jugendlichen (bei Minderjährigen zusammen mit den Eltern) eine Teilnahmevereinbarung mit dem Stamm-Verein. Sie ist kein Kleingedrucktes, sondern ein Versprechen in beide Richtungen – und wird darum nicht nur unterschrieben, sondern gemeinsam besprochen. Sie regelt:

  • Mitgliedschaft und Finanzbeitrag: Grundpreis und Dorfanteil am Preis (siehe Kapitel 8)
  • Verbindlichkeit der Rituale: Tages-Notizen, Mentoring, Weekly, Schatzhebung – die ermöglichenden Strukturen sind nicht optional
  • Stamm-Zeit: rund 20% für Hosting, Betrieb und Mitverantwortung
  • Verantwortung: Der Bildungsweg liegt bei den Jugendlichen und ihren Familien. Das Basecamp ist eine Umgebung, kein Bildungsdienstleister – es gibt kein Leistungsversprechen und keine Abschlussgarantie
  • 3-Töpfe-Prinzip für Einnahmen aus Lernunternehmen
  • Ausstieg: jederzeit möglich, mit kurzer Frist, ohne Begründung, ohne Gesichtsverlust
  • Überprüfungsdatum: Wie jede Grundsatzentscheidung wird auch die Vereinbarung periodisch überprüft und bewusst erneuert

TEIL II: WIE EIN STAMM SICH ORGANISIERT

6. Selbstführung: Jugendliche tragen ihren Stamm

Das Basecamp wird von den Jugendlichen getragen. Nicht nur formell, nicht nur als Beteiligung, sondern strukturell. Sie führen die Organisation. Sie sitzen im Vorstand. Sie organisieren ihren Alltag. Sie entscheiden, wer zum Stamm gehört. Sie verwalten ihre Ökonomie.

Erwachsene haben in diesem Inneren keine Steuerungsrolle. Sie sind Komplizen, Mentor:innen, Türöffner, aber nicht Leitung.

6.1. Rechtliche Form: Eigener Verein

Jeder Stamm gründet einen eigenen Verein. Die Mitglieder sind die Jugendlichen. Der Vorstand besteht aus jugendlichen Mitgliedern – mehrheitlich oder vollständig. In der Schweiz ist das rechtlich möglich: Vereine können von urteilsfähigen Personen geführt werden, Volljährigkeit ist nicht zwingend erforderlich.

Der Verein:

  • regelt die Mitgliedschaft (Aufnahme, Austritt, Beiträge)
  • führt die Buchhaltung
  • schliesst Verträge (mit dem Host-Ort, mit Versicherungen, mit Dienstleistern)
  • verwaltet gemeinsame Ressourcen und Material (z.B. für Lernunternehmen)
  • entscheidet über die Verwendung des Stamm-Topfs
  • pflegt die Verbindung zu YOLU und zum erweiterten Ökosystem

6.2. Wie entschieden wird

Entscheidungen werden dort getroffen, wo die Verantwortung liegt – im Stamm, in den Circles, in den Rollen. Wir orientieren uns an der Soziokratie, weil sie Gleichwertigkeit ernst nimmt und gleichzeitig handlungsfähig bleibt. Zwei Entscheidungsformen decken den Alltag ab:

Beratungsprozess – für alle alltäglichen und kleineren Entscheidungen. Wer eine Entscheidung fällen will, holt bei betroffenen Kolleg:innen und Expert:innen Rat ein, hört die Einwände und Ideen an, fällt dann selbst die Entscheidung und kommuniziert darüber transparent. Das ist die Standardform. Die meisten Entscheidungen laufen so.

Soziokratischer Konsent – für grössere Entscheidungen mit Auswirkung auf mehrere, für Grundsätze, für die Vergabe und Anpassung von Rollen, für Budget-Entscheide im Circle. Der Ablauf:

  1. Vorschlag präsentieren – die vorschlagende Person erklärt, was sie lösen will.
  2. Klärungsfragen – noch keine Reaktionen, nur Verständnis.
  3. Reaktionsrunde – jede:r im Circle reagiert, ohne Diskussion.
  4. Ergänzen – die vorschlagende Person schärft oder passt den Vorschlag an.
  5. Einwandrunde – die Moderation fragt: "Seht ihr einen Grund, warum dieser Vorschlag Schaden anrichten oder uns zurückwerfen könnte?" Gibt es keinen schwerwiegenden Einwand, ist der Vorschlag angenommen.
  6. Integration – wenn Einwände bestehen, wird der Vorschlag so verändert, dass er die Einwände berücksichtigt, ohne das Anliegen aufzugeben.

Bei Personalentscheidungen (wer übernimmt eine Rolle, wer wird als neue:r Colearner:in aufgenommen) nutzen wir die soziokratische Wahl: Alle nominieren, begründen, hören zu, können ihre Nomination ändern. Die Moderation schlägt die Person mit den stärksten Argumenten vor, die Gruppe prüft auf Einwände.

6.3. Leitprinzipien

Community First. Das Basecamp ist Selbstlernen in Gemeinschaft – nicht Selbstlernen allein. Das ist der Kern des Colearning Frameworks: Bildung ist hier kein Konsumgut und keine verordnete Medizin, sondern ein Gemeingut, das gemeinsam gestaltet und geteilt wird. Auch wenn jede:r einen eigenen, unternehmerischen Weg geht: Dieser Weg entfaltet sich innerhalb der Gemeinschaft, nicht gegen sie. Autonomie und Gemeinschaft verstärken sich gegenseitig – wer getragen wird, traut sich mehr; wer beiträgt, gehört dazu. Im Zweifel kommt die Gemeinschaft zuerst: Erst gehört man dazu, dann zieht man los. Die Beute kehrt in den Stamm zurück, das Gelernte wird geteilt. Ein Stamm, in dem alle nur ihre eigene Jagd verfolgen, hört auf, ein Stamm zu sein.

Ermöglichende Strukturen (enabling constraints). Strukturen sind nur dann gut, wenn sie gleichzeitig einschränken und ermöglichen. Verbindliche Rituale sind kein Käfig, sondern Geländer: Sie geben Halt und schaffen erst dadurch Raum für Freiheit. Tages-Notizen, Mentoring, Schatzhebung – das sind ermöglichende Strukturen.

Der Ernst des Spiels. Wir trennen nicht zwischen ernster Arbeit und Spiel (siehe Kapitel 2.5). Die Jagd ist ernsthaftes Spiel: konzentriert, mit echtem Einsatz – und mutig genug, ergebnisoffen zu experimentieren. Wir schützen den Spieltrieb, statt ihn der Produktivität zu opfern.

Good enough for now, safe enough to try: Wir müssen Entscheidungen nicht perfekt treffen. Sie müssen gut genug sein für den nächsten Schritt und sicher genug, um sie auszuprobieren. Eine Entscheidung, die sich als falsch herausstellt, wird nicht als Niederlage behandelt, sondern als Erkenntnis und entsprechend überarbeitet.

Entscheidungen mit Ablaufdatum: Keine Regel, keine Rolle, keine Vereinbarung gilt für immer. Jede Grundsatzentscheidung erhält ein Überprüfungsdatum, typischerweise nach 3, 6 oder 12 Monaten. An diesem Datum prüft der Stamm: Trägt die Entscheidung noch? Was haben wir gelernt? Was passen wir an?

Vorschlagsrecht: Jede:r Colearner:in kann jederzeit einen Vorschlag einbringen, der im zuständigen Circle oder im Stamm behandelt werden muss. Alle sind Mitgestalter der Ordnung, in der sie leben.

Rollen sind Mandate, keine Besitztümer: Sie rotieren, werden übergeben, angepasst oder abgeschafft.

Schenken hat Grenzen: Das Basecamp lebt von Menschen, die geben – Mentor:innen, Kompliz:innen, Expert:innen. Diese Gabe ist kostbar und gerade deshalb verletzlich: Wer gerne gibt, gibt leicht zu viel, bis aus Freude eine stille Pflicht wird. Darum darf, wer gibt, auch Nein sagen, pausieren oder ein Mandat beenden – ohne Schuldgefühl und ohne dass das als mangelnde Solidarität gilt. Und der Stamm achtet darauf, dass die Last sich verteilt und nicht immer dieselben alles tragen.

6.4. Circle-Struktur

Um die soziokratische Partizipation nicht abstrakt zu lassen, organisieren sich die Jugendlichen in konkreten Circles. Jeder Circle hat ein klares Mandat, echte Autonomie und kann über Geld verfügen. Hier eine erste Aufteilung, die sich mit der Zeit weiterentwickeln wird:

Circle Mandat
Operations Tagesbetrieb: Mitwirken im Host-Ort, Empfang, Ordnung, Infrastruktur, Reparaturen, Onboarding.
Projects Lernunternehmen: Angebotsentwicklung, Kundenakquise, Qualitätssicherung, Abnahmeprozesse, Beute-Verteilung (3-Töpfe-Prinzip).
Learning & Mentoring Mentoring-Qualität, Mentoring-Matching, Reflexionsformate für Lernen, Portfolio-Routinen, Peer-Mentoring.
Trust Vertrauenspflege, Elternkommunikation, Transparenz nach aussen, Schutzkonzept, Regeln zu Erreichbarkeit, Krisenprotokoll, Verbindung zu YOLU.
Stammkultur Rituale und Rhythmen am Leben halten, Stamm-Erlebnisse, Retreats und Feste, Willkommens- und Abschiedskultur; verteidigt die weisse, freie Zeit gegen den Sog der Produktivität.

Alle Circles sind jugendlich besetzt. Erwachsene Komplizen können beratend dazukommen, sind aber keine ständigen Mitglieder.

Geld braucht keinen eigenen Circle: Jeder Circle verfügt im Rahmen seines Mandats über eigene Mittel; über den gemeinsamen Stamm-Topf entscheidet der ganze Stamm im Konsent (siehe Kapitel 4.3 und 8.4); die laufende Buchhaltung des Vereins führt der Vorstand (siehe Kapitel 6.1). So bleibt Geld eine gemeinsame Sache und wird nicht in einem Silo weggesperrt.

Doppelte Koppelung mit Host-Ort & YOLU: Vertreter:innen des Stamms nehmen an Treffen des Host-Ortes und von YOLU teil. Umgekehrt sitzen erwachsene Kompliz:innen oder Vertreter:innen im jeweils passenden Stamm-Circle, wenn das sinnvoll und gewünscht ist. So fliesst Information in beide Richtungen.

6.5. Konflikte lösen

Konflikte gehören zum Leben einer Community. Wir lösen sie in drei Schritten, angelehnt an die Praxis aus YOLU und Colearning:

  1. Direkt ansprechen. Wer mit einer anderen Person ein Problem hat, bespricht es zuerst direkt – nicht hintenrum mit Dritten. Das Ziel ist, dass beide verstehen, worum es geht.

  2. Mehrere Leute einbeziehen. Wenn die direkte Aussprache keine Lösung bringt, lädt die Person, die den Konflikt gebracht hat, ein bis zwei weitere Personen dazu (Mentor:innen, andere Jugendliche, Erwachsene). Ziel ist, die Einheit wiederherzustellen, nicht einen Schuldspruch.

  3. Zum Trust Circle und Stamm. Wenn auch das direkte Gespräch und der Einzug von Kolleg:innen nicht tragen, wird der Trust Circle involviert. Dieser Circle hat den Rahmen für solche Situationen: Er moderiert, hört beide Seiten und sucht einen Weg zurück ins Miteinander.

Ein Ausschluss aus dem Basecamp ist die absolute Ultima Ratio. Um die Jugendlichen vor sozialem Overload, emotionaler Überforderung und loyalitätstechnischen Zerreissproben zu schützen, darf ein solcher Prozess nie vom Trust Circle oder den Jugendlichen allein moderiert werden. Eine erfahrene, neutrale Fachperson (aus dem YOLU- oder Colearning-Netzwerk mit Mediations- oder Begleiterfahrung) muss zwingend beigezogen werden, um den geschützten Rahmen zu halten und die Jugendlichen beratend zu begleiten. Der definitive Entscheid über einen Ausschluss wird im soziokratischen Konsent des Stamms gefällt, wobei die betroffene Person kein Einwandsrecht hat. YOLU sichert diesen Prozess sowohl menschlich als auch rechtlich ab.

6.6. Die Pionierphase: zuerst den Boden bereiten

Hier ist eine ehrliche Spannung auszuhalten. Das Basecamp soll von den Jugendlichen geführt werden – und am Anfang ist es das noch nicht ganz. Das ist kein Widerspruch, sondern eine Frage der Zeit.

Die Permakultur kennt das gut. Wer aus einer ausgelaugten Monokultur oder einem kahlen Stück Land einen lebendigen Garten wachsen lassen will, muss zu Beginn kräftig eingreifen: den Boden lockern, mulchen, wässern, Pionierpflanzen setzen, die erst die Bedingungen schaffen, unter denen später Vielfalt gedeiht. Dieser anfängliche Eingriff ist intensiv und sehr gärtnerisch. Doch er trägt von Anfang an ein Ziel in sich: sich selbst überflüssig zu machen. Mit der Zeit verwurzelt sich das System, reguliert sich selbst und trägt sich allein. Ein Garten, in den man nach Jahren noch genauso stark eingreifen muss wie am ersten Tag, ist misslungen.

Genauso ist es im Basecamp. Damit ein Stamm sich selbst tragen kann, braucht es am Start viel: Raum, der geöffnet, und Boden, der bereitet wird. YOLU und die Initiant:innen führen Werkezuge und Rituale ein, moderieren die ersten Entscheidungen, knüpfen die ersten Mentoring-Verbindungen. Sie halten den Rahmen. In dieser Phase sind die Erwachsenen am präsentesten – nicht als Träger:innen, sondern als Gärtner:innen (siehe Lernkultivator:in, Kapitel 7.1). Der Massstab ist derselbe wie im Garten: Der Eingriff ist nur dann gelungen, wenn er mit der Zeit zurückgeht. Mit jedem eingeführten Werkzeug zieht sich YOLU weiter zurück (siehe Kapitel 5.6); was zuerst aktiv eingeführt wurde, holt sich der Stamm bald im Pull-Prinzip selbst.

Das birgt eine Gefahr, und wir benennen sie offen: Gärtner:innen, die nie loslassen, verhindern genau das Ökosystem, das sie pflanzen wollten. Darum gehört zur Pionierphase ihr eigenes Ablaufdatum (siehe "Entscheidungen mit Ablaufdatum", Kapitel 6.3) und der wache Blick des Spiegelmechanismus: Wo ist YOLU noch nötig – und wo schon zu viel? (siehe Kapitel 7.3). Der Erfolg der Pionierphase misst sich nicht daran, wie gut die Erwachsenen führen, sondern daran, wie bald sie es nicht mehr müssen.

Am stärksten gilt das für den allerersten Stamm. Spätere Stämme werden von Jugendlichen gegründet, die ein Basecamp schon erlebt haben, und starten innerhalb einer bestehenden Community (Community First, siehe Kapitel 5 und 12). Der Pilot in Bern 2026 hat diesen Vorlauf nicht: Hier bereiten die Erwachsenen den Boden am intensivsten, weil es noch keine erfahrenen Colearner:innen gibt, die es könnten. Das ist die kräftigste gärtnerische Erstbegehung – und sie ist von Anfang an darauf angelegt, sich selbst zurückzunehmen (siehe Kapitel 11).

7. Menschen und Rollen im Basecamp

Im Basecamp gibt es keine Lehrer:innen und Schüler:innen, keine Betreuenden und Betreuten. Es gibt Menschen in unterschiedlichen Rollen – und diese Rollen folgen einem wichtigen Prinzip: Niemand lebt vom Stamm. Die Erwachsenen im Umfeld stehen in echter Arbeit, die auch ohne die Jugendlichen Sinn hätte. Mitverantwortung und Begleitung ist immer eingewoben, nie ein eigener Beruf. Getragen wird das Basecamp von den Jugendlichen selbst.

Dieses Kapitel beschreibt zwei Ebenen: die Haltungen, mit denen sich alle im Basecamp begegnen – und die konkreten Rollen, die Menschen übernehmen.

7.1. Drei Haltungen

Das Colearning Framework kennt drei dynamische Haltungen. Sie sind nicht an Alter oder Position gebunden: Jede Person kann – je nach Situation – jede davon einnehmen.

Lernunternehmer:in

Die Hauptrolle aller Jugendlichen. Niemand ist Passagier, niemand wartet auf Arbeitsblätter. Als Lernunternehmer:in übernimmt man radikale Verantwortung für den eigenen Weg und optimiert auf beide Währungen jedes Projekts: die Gewinnmarge (Produkt, Geld, Erfolg) und die Lernmarge (Erkenntnis, Fähigkeit, Wachstum). Diese zwei Währungen entsprechen den inneren und äusseren Feldern des IKIGAI-Kompasses (siehe Kapitel 2.2): die Lernmarge dem, was du liebst und gut kannst; die Gewinnmarge dem, was die Welt braucht und wofür sie zahlt. Statt zu fragen "Was muss ich tun?" fragt man: "Welches Problem will ich lösen? Was möchte ich in der Welt hervorbringen?"

Über beide Währungen hinaus gilt ein drittes Mass, das jedes Lernunternehmen im Colearning prägt: die regenerative Wirkung. Was wir hervorbringen, soll Kreisläufe stärken statt zehren – langlebig, reparierbar, sorgsam im Ressourceneinsatz – oder ihnen zumindest nicht widersprechen. So fragt "Was braucht die Welt?" nicht nur den Markt, sondern auch die lebendige Welt und die kommende Generation.

Wichtig: Lernunternehmer:in zu sein heisst nicht, heroisches Einzelkämpfertum zu pflegen. Grosse Arbeit entsteht im Miteinander. Der Wert der Jugendlichen liegt nicht im individuellen Heldentum, sondern im Beitrag zum Ganzen und im Empfangen aus dem Ganzen.

Lernkultivator:in

Lernkultivator:innen sind Gärtner:innen der Neugier. Sie bereiten den Boden, schützen die psychologische Sicherheit, stellen klärende Fragen, stiften Verbindungen zu Menschen, Werkzeugen und Projekten. Ihre Arbeit ist oft unsichtbar: Sie erkennen, wenn jemand feststeckt, und öffnen Räume für eigene Exploration.

Im Basecamp: Erfahrene Colearner:innen, die Neue begleiten. Mentor:innen aus dem Netzwerk. Zu Beginn häufig YOLU und mit der Zeit eine Rolle, die in den Stamm hinein wächst.

Kompliz:in

Kompliz:innen begegnen Jugendlichen als Gleichgesinnte in der gemeinsamen Suche nach wirksamen Lösungen. Sie bringen die Resonanz mit Praxis und Erfahrung. Sie sind Kund:innen, Auftraggeber:innen, Fachleute und geben unbestechliches Feedback: Funktioniert die Website? Schmeckt der Kaffee? Löst die Reparatur das Problem?

Im Basecamp: Mentor:innen (als langfristige Kompliz:innen), Expert:innen aus dem Coworking, Kund:innen von Lernunternehmen, Unternehmer:innen bei LOPI-Einsätzen, die erweiterte Community.

7.2. Konkrete Rollen

Eines vorweg: Die Besetzung dieser Rollen liegt beim Stamm. Die Jugendlichen engagieren die Erwachsenen – nicht umgekehrt. Sie entscheiden, welche Mentor:innen sie anfragen, welche Expert:innen sie für ein Projekt beiziehen und wen sie für ein freiwilliges Engagement gewinnen oder wen sie aus dem Stamm-Topf bezahlen. Auch YOLU arbeitet in diesem Sinn im Auftrag des Stamms.

Wer welche Verantwortung trägt. Die rote Linie "Niemand lebt vom Stamm" richtet sich gegen bezahlte Betreuung und Beschulung, welche die Selbstführung der Jugendlichen ersetzen und die Quelle des beiläufigen Lernens versiegen liessen (siehe 8.1). Sie ist aber kein Verbot jeder bezahlten Erwachsenenarbeit. Professionell geleistete Schutz- und Ermöglichungsarbeit – Kinderschutz, rechtliche Absicherung, Krisenintervention, Zugangsarbeit für belastete Familien – ist kein Adultismus, sondern schützt Jugendliche vor sozialem Overload und informeller Willkür.

Colearner:in

Colearner:innen sind die Mitglieder des Stamms. Es sind die Jugendlichen, die das Basecamp als ihre Ausbildungszeit leben. Sie sitzen in den Circles, tragen den Stamm und gestalten den Alltag.

Mentor:in

Erwachsene mit Lebenserfahrung und eigener unternehmerischer Erfahrung, die ein wöchentliches 1:1-Mentoring anbieten – entlang der fünf Schritte des Colearning Mentorings. Sie sind langfristige Kompliz:innen mit einem festen Mandat: Sie begleiten den Weg, geben ehrliches Feedback und sind bei Gesprächen mit Eltern dabei.

Worauf es beim Profil ankommt. Weil das Basecamp im Kern eine unternehmerische Ausbildungszeit ist, suchen wir Mentor:innen, die selbst unternehmerisch gewirkt haben – als Gründer:in, Selbständige:r, Macher:in eines eigenen Projekts oder auch selbst als Jugendliche in einem Colearning Basecamp. Nicht der Titel zählt, sondern die gelebte Erfahrung: ein Angebot aus dem Nichts gewagt, den ersten Kunden gewonnen, ein Vorhaben gegen Widerstände durchgezogen, auch einmal gescheitert und wieder aufgestanden zu sein. Diese unternehmerische Kreativität und der Mut, etwas zu wagen, sind wichtig im Mentoring. Denn die Begleitung zielt nicht nur auf Reflexion, sondern auf das konkrete Vorankommen: Wie kann eine wilde, unreife Idee in etwas Sinnvolles verwandelt werden? Wie wird aus der Idee ein echtes Angebot? Wie spreche ich eine:n erste:n Kund:in an? Was ist mein Preis? Was tue ich, wenn ein Lernunternehmen nicht trägt? Ein:e gute:r Mentor:in stellt nicht nur kluge Fragen, sondern ermutigt zum nächsten Schritt, öffnet ihr Netzwerk und teilt das eigene unternehmerische Bauchgefühl ehrlich.

Als gemeinsame Landkarte dient dabei oft der IKIGAI-Kompass (siehe Kapitel 2.2): Wo ist diese:r Jugendliche stark, wo unsicher? Welches der vier Felder will als Nächstes wachsen? Gerade "was die Welt braucht" und "wofür man bezahlt werden kann" sind die Felder, an denen im Basecamp am meisten Neues entsteht.

Grenzen, oder was Mentor:innen nicht sind: Sie haben keine Programmverantwortung für Inhalte, sind keine Lehrer:innen und keine Kontrollinstanzen. Sie sind auch keine Therapeut:innen oder Psycholog:innen. Wenn anspruchsvolle, persönliche Themen auftauchen oder Jugendliche eine nähere Begleitung benötigen, so suchen wir gemeinsam Lösungen ausserhalb des Mentorings.

YOLU und der Circle Learning & Mentoring sichern das Mentoring ab. Damit die Begleitung trägt, gibt es eine verlässliche Ansprechstelle: für das Matching von Jugendlichen und Mentor:innen, für Fragen rund ums Mentoring und für die Momente, in denen es zwischen beiden klemmt oder ein Wechsel ansteht. Ein Mentoring-Verhältnis ist kein Schicksal: Wer merkt, dass es nicht passt, darf das ansprechen und sich neu zuordnen lassen, ohne dass das ein Scheitern wäre. Idealerweise wächst der Stamm so, dass jede:r Jugendliche eine verlässliche Begleitung hat – lieber etwas langsamer, als dass jemand ohne bleibt.

Langfristig, aber mit Wechselpunkten. Das Mandat ist grundsätzlich auf eine Dauer von mindestens einem halben Jahr angelegt. Vertrauen und Tiefe wachsen erst über die Zeit, und genau das ist der Wert einer langfristigen Kompliz:innenschaft. Einen festen Zwangswechsel gibt es nicht. Stattdessen ist in jedes Halbjahresgespräch ein kurzer, beidseitiger Check eingebaut: Passt diese Begleitung noch – für beide? Bringt sie weiter, oder wäre ein frischer Blick gerade wertvoller? So wird Kontinuität nicht zur Gewohnheit, sondern bleibt eine bewusste Wahl, und ein Wechsel ist jederzeit niederschwellig und ohne Gesichtsverlust möglich. Das folgt dem Prinzip der Entscheidungen mit Ablaufdatum: Auch ein Mentoring wird von Zeit zu Zeit überprüft, statt einfach weiterzulaufen. Längere Pausen, ein Wechsel der Person oder der bewusste Entscheid weiterzumachen sind alle gleichermassen in Ordnung. YOLU und der Circle Learning & Mentoring begleiten solche Übergänge.

Mentoring wächst durch Weitergabe. Je länger ein Stamm lebt, desto mehr können erfahrene Colearner:innen jüngere Stamm-Mitglieder mentorieren. Das ist der zentrale Hebel, um das Modell als Bewegung skalierbar zu machen, ohne dass die unbezahlten, externen Mentor:innen-Ressourcen zum Flaschenhals werden.

Die Rolle der externen, unternehmerisch erfahrenen Mentor:innen verschiebt sich dadurch mit zunehmendem Alter des Stamms: Sie mentorieren immer seltener alle Jugendlichen direkt, sondern wirken primär als Kompliz:innen und Lernkultivator:innen für die jugendlichen Mentor:innen. Sie geben den jungen Mentor:innen Rückendeckung, reflektieren schwierige Dynamiken im Hintergrund und sichern die Qualität der Begleitung. So entlastet sich der Stamm aus eigener Kraft, die älteren Jugendlichen lernen echte Führungskompetenz durch Weitergabe, und das Netzwerk an externen Erwachsenen bleibt schlank und hocheffizient.

Wie wir Mentor:innen gewinnen. Mentor:innen sind die kostbarste unbezahlte Ressource des Modells – ihre Gewinnung verdient dieselbe Sorgfalt wie der Weg der Jugendlichen hinein (siehe Kapitel 5). Der Weg führt über Erleben statt Stelleninserat: Formate wie die Schatzhebungstreffen und andere offene Anlässe laden Erwachsene ein, das intergenerationelle Dorf als Mitbauende kennenzulernen – nicht als Helfer:innen für ein Jugendprojekt. Der Einstieg ist bewusst klein: zuerst eine Experten-Stunde oder eine LOPI-Begegnung, dann vielleicht eine Komplizenschaft in einem Projekt, und erst wenn es für beide stimmt, ein Mentoring-Mandat. Was Mentor:innen davon haben, ist real: eine sinnstiftende Rolle, Reverse Mentoring durch junge Menschen, Einbettung in die Community. Und es gilt auch hier: Die Jugendlichen engagieren die Erwachsenen – niemand wird verplant.

Kompliz:innen am Host-Ort

Menschen, die am Host-Ort ihrer eigenen Arbeit nachgehen und Jugendliche mitleben lassen: das Gespräch in der Kaffeepause, der Blick über die Schulter, das spontane Mithelfen sind die Quelle für LOPI. Sie sind nicht für die Jugendlichen angestellt. Ihre Arbeit hätte auch ohne den Stamm Sinn. Genau das macht sie wertvoll.

Fürsprecher:in

Wir verstehen uns als Fürsprecher:innen der Jugendlichen. In der Startphase eines Basecamps braucht es Menschen, die nach aussen für das Modell einstehen: die erklären, übersetzen, bei der skeptischen Berufsberaterin oder dem besorgten Onkel hinstehen und sagen, was möglich ist. Familien, die diesen Weg wählen, kennen noch häufig wenig Vorbilder und Statistiken. Die Fürsprache leiht den Jugendlichen Glaubwürdigkeit, bis ihre eigene Biografie für sich selbst spricht.

Fürsprache hat aber auch eine grössere Ebene. Damit ein Stamm einfach leben und wirken kann, muss jemand die Reibung mit den Aussenwelten auf sich nehmen: mit Behörden, mit der Anerkennung von Abschlüssen, mit der öffentlichen Frage, ob das alles seriös sei. YOLU hält diesen Schirm. Es nimmt den politischen Regen auf sich, vertritt das Modell im Bildungsdiskurs und macht den Wert dieser Arbeit sichtbar, damit die Jugendlichen am Lagerfeuer nicht selbst das ganze System erklären müssen.

In der Pilotphase übernimmt diese Rolle YOLU, danach übernehmen auch die älteren Colearner:innen im Stamm Verantwortung dafür.

YOLU

YOLU ist Backoffice und Backup-Office und wichtiger Knoten im Netzwerk: YOLU bietet Konzepte, Rituale, Strukturen, Vernetzung, rechtliche und unternehmerische Begleitung und Erfahrung. Der Stamm holt sich, was er braucht (Pull-Prinzip). Was YOLU konkret leistet und wie die Finanzierung aussieht, beschreibt Kapitel 9.

7.3. Autonomie erhalten

Damit die Erwachsenen nicht heimlich in Trägerschaft kippen, gibt es einen expliziten Spiegelmechanismus: Die älteren Colearner:innen, Mentor:innen, Eltern und das YOLU-Team haben das Mandat, einander zurückzupfeifen, wenn jemand anfängt, zu tief in die Autonomie des Stammes von Jugendlichen hineinzuregieren.

So darf man jederzeit einander Frage stellen: Wo ist YOLU zu nahe? Wo zu fern? Wo mischen sich Erwachsene zu stark ein?

Diese Wachsamkeit gilt auch für die leiseren Formen von Einfluss. Macht zeigt sich nicht nur in Rollen und Mehrheiten, sondern darin, wer die bessere Rhetorik hat, wer das Projekt seit Anfang kennt, wer bestimmt, wann und worüber gesprochen wird. Gerade zwischen erfahrenen Erwachsenen und jungen Menschen kann so jemand den Konsens lenken, ohne es zu wollen. Die Jüngeren ziehen sich innerlich zurück, statt zu widersprechen. Der Trust Circle und der Spiegelmechanismus haben deshalb auch diese unsichtbare Ebene im Blick: Wer redet viel, wer schweigt? Wessen Vorschläge setzen sich immer durch? Die Frage "Wo mischen sich Erwachsene oder ältere Jugendliche zu stark ein?" meint auch das stille Steuern.

Dieses Prinzip wird im Colearning Framework beschrieben im Kapitel über Radikale Autonomie.

8. Wirtschaft des Stamms

Es braucht ein Dorf. Das gilt nicht nur fürs Grossziehen junger Menschen, sondern auch fürs Bezahlen. Ein Platz im Basecamp hat einen ehrlichen Preis: so hoch, wie der Aufwand wirklich ist, offen ausgewiesen. Aber diesen Preis trägt niemand für sich allein.

Die Familie trägt den Grundpreis – mit der Zeit auch aus der eigenen Beute der Lernunternehmen. Den Dorfanteil darüber hinaus trägt das Dorf. Das ist keine Wohltätigkeit und keine Bedürftigkeitsprüfung, sondern die älteste Aufgabe einer Gemeinschaft: Sie zieht ihre Jugend gemeinsam gross.

So bleibt das Basecamp frei. Es lebt von Geld, das trägt, nicht von Geld, das abhängig macht. Der laufende Betrieb eines Stamms – Coworking, Stamm-Topf und der Aufwand, den YOLU pro Platz leistet – wird finanziell gemeinsam von Familie und Dorf getragen (siehe 8.2). Viel Pionierarbeit – erprobte Vorlagen, Handbücher, geklärte Rechtsfragen, das Mentor:innen-Netzwerk – ist zum Teil schon geleistet, über Jahre des Ausprobierens bei Colearning und Coworking; sie liegt als Fundament bereit, von dem jeder neue Stamm zehrt. Stiftungen, Crowdfunding und Gönner:innen sind willkommen, beizutragen, damit Strukturen entwickelt und mehr Raum für Jugendliche geschaffen werden kann (wie YOLU finanziert wird, steht in Kapitel 9.3).

8.1. Warum beiläufiges Lernen günstig ist

Etwas vom Lernreichsten überhaupt beginnt damit, dass ein junger Mensch sich in ein Problem hineinreitet. Er hat eine Idee, nimmt sich etwas vor, das zu gross ist, versucht es, kommt nicht weiter oder scheitert. Und statt aufzugeben, trägt er diesen Versuch zu jemandem, der in genau diesem Handwerk lebt.

Was dann geschieht, lässt sich nicht erzwingen und nicht kaufen. Wenn Kinder oder Jugendliche mit einem eigenen Anliegen und einem gescheiterten Versuch auf erfahrene Menschen zukommen – gerade in einem Bereich, in dem diese selbst tätig sind und brennen –, dann berührt das ihr Herz. Sie können nicht anders. Sie werden alle Hebel in Bewegung setzen, um weiterzuhelfen. Es ist, als würde an etwas zutiefst Menschliches appelliert: an die Freude, das eigene Können weiterzugeben, an das Bedürfnis, gebraucht zu werden.

In diesem einen Moment geschieht alles zugleich. Der junge Mensch erlebt Selbstwirksamkeit und lernt durch echtes Mitmachen (LOPI), wie es in keinem Kurs möglich wäre. Der erfahrene Mensch – ob mitten im Berufsleben oder längst pensioniert – gibt etwas weiter, das ihn selbst erfüllt. Und zwischen den beiden entsteht Beziehung. Geld braucht es dafür meistens nicht. Viele empfinden es gar als Beleidigung, für etwas bezahlt zu werden, das sie aus vollem Herzen geben wollen.

Das ist die Quelle, aus der das Basecamp schöpft: die "Abwärme des echten Lebens" (siehe Ökonomie des Beiläufigen). Genau deshalb muss nicht alles bezahlt werden, was trägt. Damit das so bleibt, gilt eine klare Linie: Die Erwachsenen gehen ihrer eigenen, echten Arbeit nach. In dem Moment, in dem sie aufhörten zu arbeiten und nur noch betreuen und beschulen würden, versiegte die Quelle.

Es gibt eine Ausnahme, in der doch Geld fliessen muss: wenn ein:e Profi die eigene Arbeit so weit verlangsamen muss, dass ihre Arbeit wirtschaftlich zu stark darunter leidet. Doch das ist die Ausnahme; meist gibt es andere Wege.

8.2. Was ein Platz kostet – "Es braucht ein Dorf"

Der ehrliche Preis besteht aus zwei Teilen: einem Grundpreis, den die Familie trägt, und einem Dorfanteil, den das Dorf trägt. Er steht offen da, nichts wird verborgen und nichts heimlich geschenkt.

Der Grundpreis: CHF 580 im Monat. Das ist, was ein Platz dauerhaft kostet, für alle gleich, in jedem Jahr:

Position Betrag Verwendung
Coworking Effinger* CHF 260 Arbeitsplätze, Internet, Strom, Verbrauchsmaterial. Jugendliche sind Effianer:innen mit Schenkzeit (20%) und erhalten den Platz vergünstigt.
Stamm-Topf CHF 100 Gemeinsame Aktivitäten, monatliche Erlebnisse, jährliche Retreats, Material, Investitionen in Lernunternehmen.
YOLU & Ökosystem CHF 220 Schlankes Backoffice: Lilo-Page-Hosting, Admin, Mentor:innen-Matching, Backup-Ansprechstelle, Vernetzung, Koordination.
Grundpreis pro Platz CHF 580

*Coworking-Anteil kann variieren, da dieser vom Alter, Standort, Anzahl Tage vor Ort und Mitarbeit abhängig ist.

Die 220 für YOLU sind bewusst klein. Sie kaufen Backoffice, nicht Betreuung. Die tägliche Begleitung leisten Peers und ehrenamtliche Mentor:innen – das kostet kaum Geld, weil es aus echten Beziehungen wächst (siehe 8.1). Schon der Preis sagt der Familie damit: Hier gibt es keine Institution, die dein Kind bespasst, sondern einen Ort, der Eigenständigkeit verlangt und ermöglicht. Mit der Ausbildungszulage (ca. CHF 300, wenn anerkannt) sinkt der Beitrag der Familie auf netto ca. CHF 280/Monat – und mit der Zeit kann die eigene Beute aus den Lernunternehmen der Jugendlichen ihn mittragen.

Der Dorfanteil: getragen von denen, die mitgrossziehen. Ein Platz wird vom Dorf mitgetragen – von Pat:innen, Firmen, Pensionierten, dem Umfeld und den Familien und Jugendlichen selbst, die Pat:innen gewinnen.

Das Dorf trägt eine junge Person am meisten, wenn sie neu ankommt, und tritt Schritt für Schritt zurück, je mehr sie selbst tragen kann.

  • Jahr 1 (CHF 400): Ankommen, Entschulen, Fuss fassen. Die Begleitung ist am intensivsten, eigene Beute gibt es noch kaum. Hier trägt das Dorf am meisten.
  • Jahr 2 (CHF 300): Der Rhythmus sitzt, erste Beute fliesst, die Eigenständigkeit wächst. Das Dorf tritt einen Schritt zurück.
  • Ab Jahr 3 (CHF 200): Weitgehend selbsttragend. Das Dorf bleibt mit einem schlanken Sockel präsent, denn ein Dorf lässt nie ganz los. Wer seinen Platz längst selbst trägt, bei dem fliesst dieser Sockel zunehmend in den Stipendienfonds und öffnet der nächsten jungen Person die Tür (siehe Serviceberry-Prinzip, 8.6).

Schön daran: Der Stamm-Effekt ergibt sich von selbst. Ein junger Pionierstamm besteht fast nur aus Erstjahres-Leuten, also trägt das Dorf den Aufbau am stärksten mit, genau dann, wenn die Erstbegehung am meisten Sicherung braucht. Mit den Jahren mischen sich Jahr 1, 2 und 3, und der Dorfanteil sinkt im Schnitt ganz natürlich.

Übersicht für Preis pro Platz:

Jahr im Basecamp Grundpreis (Familie) Dorfanteil Total pro Platz
Jahr 1 CHF 580 CHF 400 CHF 980
Jahr 2 CHF 580 CHF 300 CHF 880
Ab Jahr 3 CHF 580 CHF 200 CHF 780

Anschub aus dem Dorf. Der Aufbau ist unsere Anstossfinanzierung – aber sie hängt nicht an einer einzelnen Stiftung, die zusagen muss, sondern an vielen, die mitbauen. Fällt eine:r aus, treten andere ein. So bleibt der Betrieb unabhängig (siehe 8.3).

Startvoraussetzungen. Die Preise gelten pro Kopf. Das heisst, es braucht keine Mindestgrösse. Sobald Grund- und Dorfanteil für einen Platz gesichert sind, kann eine Person starten. Den Dorfanteil baut der Stamm gemeinsam auf – mit Patenschaften, Crowdfunding und der eigenen Geschichte; je mehr mithelfen, desto leichter trägt es.

Zugangs-Töpfe – am Geld soll es nicht scheitern. Damit das kein Versprechen auf dem Papier bleibt, hält das Ökosystem drei verbindliche Strukturen vor: einen Härtefall- und Stipendienfonds, der im Härtefall den Grund- oder Dorfanteil mitträgt; einen Reisefonds für Wanderschaft und Stamm-Erlebnisse, damit Teilhabe nicht am Billett scheitert; und einen Gerätepool mit Laptops zum Ausleihen. Gespeist werden sie aus dem sinkenden Dorf-Sockel (Serviceberry, 8.6), dem Stamm-Topf (8.4), Capped Returns und zweckgebundenen Spenden. Sie sind ein erklärtes Vorrecht, kein Almosen: Der Zugang für Armutsbetroffene wiegt schwerer als schnelles Wachstum.

Diese Zahlen gelten als Richtwert für alle Standorte und konkret für den Pilot in Bern 2026. Andere Host-Orte können die Anteile etwas anders aufteilen.

8.3. Einnahmequellen

Platzkosten (Grundpreis + Dorfanteil): Jeder Platz wird zum Teil von der Familie und zu einem anderen Teil vom "Dorf" finanziert. Mit den Jahren der einzelnen Person sinkt der Dorfanteil auf einen Sockel, und die Jugendlichen tragen mehr selbst (siehe 8.2).

Beute aus Lernunternehmen: Erträge aus Projekten der Jugendlichen, verteilt nach dem 3-Töpfe-Prinzip.

Crowdfunding: Für klar umrissene Vorhaben lancieren die Jugendlichen eigene Crowdfunding-Kampagnen. Zum Beispiel weitere Plätze und Stipendien für Jugendliche oder Startkapital für ihre Lernunternehmen. Eine weitere Kampagnenform könnte folgen, sobald der erste Stamm läuft: "Schenk das Modell der nächsten Stadt". Eine Kampagne bringt dabei doppelten Wert: Geld und Sichtbarkeit. Sie erzählt die Geschichte des Stamms, baut eine Community von Unterstützer:innen auf und beweist öffentlich, dass viele Menschen dieses Modell wollen (siehe Kapitel 13).

Mitgrossziehen – einen Platz ermöglichen. Wer hier gibt, wird nicht Wohltäter:in, sondern Teil des Dorfes: Götti oder Gotte einer jungen Person, die losgeht. Drei Dinge machen das Geben hier besonders:

  • Du siehst, was du bewirkst – live. Statt eines Jahresberichts bekommst du Zugang zu den Pages der jungen Personen, Einladungen zu Schatzhebung und vielleicht auch mal zu einem Retreat. Du siehst Biografien wachsen, nicht eine Statistik.
  • Dein Beitrag wandert weiter. Reift der Stamm, trägt er sich zunehmend selbst – und dein Platz wird zum Türöffner für die Nächste:n (siehe Serviceberry-Prinzip, 8.6). Du pflanzt einen Baum, der weiter Früchte trägt.
  • Du nimmst Druck aus dem ganzen System. Jede sichtbare Basecamp-Biografie zeigt vielen Familien, dass es auch anders geht. Du ermöglichst nicht nur einen Platz, du stärkst eine Bewegung.

Was ein Beitrag konkret bewegt:

Beitrag Was er ermöglicht
Platz-Patenschaft ca. CHF 400/Monat trägt den Dorfanteil eines Platzes im ersten Jahr, du ziehst eine konkrete junge Person mit gross
Türöffner / Stipendium trägt den Grundpreis von CHF 580/Monat (ganz oder anteilig) für jemanden, der ihn sonst nicht stemmt
Ganzer Platz Grund- und Dorfanteil zusammen für eine:n Jugendliche:n
Bewegung schenken das Commons-Fundament (Vorlagen, Statuten, Schutzkonzept, Stammgründungs-Handbuch) und die Fürsprache- und Bewegungsarbeit – der grösste Hebel, vor allem für Stiftungen

So erreicht dein Geld Menschen, nicht einen Apparat. Und weil der laufende Betrieb auch ohne Förderung steht und an keinem Gesuch hängt, bist du nie der Tropf, an dem alles hängt: Deine Gabe beschleunigt eine Bewegung, sie hält nichts künstlich am Leben. Die Richtung bestimmen die Jugendlichen.

8.4. Das 3-Töpfe-Prinzip

Das Colearning Framework beschreibt das Lernunternehmen als das Werkzeug, mit dem der Stamm auf die "Jagd" geht: Echte Projekte, echte Kund:innen, echter Nutzen. Webentwicklung, Fotografie, Reparaturen, Eventorganisation, Pilzzucht, Barista-Service, Workshops, Talks, Grafikdesign, Podcasts oder etwas ganz Neues.

Alle Einnahmen aus Lernunternehmen werden nach dem 3-Töpfe-Prinzip verteilt:

Topf 1 – Persönlicher Topf (50%): Gehört den Jugendlichen, die den Auftrag an Land gezogen und ausgeführt haben. Das ist ihr Lohn für die Jagd. Ob sie es sich auszahlen, für Werkzeuge investieren oder sparen, entscheiden sie selbst.

Topf 2 – Stamm-Topf (25%): Bleibt bei der Gemeinschaft der Jugendlichen. Wofür das Geld verwendet wird, entscheiden die Jugendlichen selbst im Konsent: Feiern und gemeinsame Erlebnisse, Anschaffungen, Ausgleich bei Pechsträhnen, Investitionen in Lernunternehmen, Bezahlung von Kompliz:innen, die im Hintergrund geholfen haben. Der Stamm-Topf gibt auch über den eigenen Stamm hinaus: an die nächste Generation über den Stipendienfonds, an andere, die es brauchen. Nur wer genug hat, kann frei geben.

Topf 3 – Ökosystem-Topf (25%): Fliesst an YOLU und nährt das grössere Ökosystem (Ressourcen bei YOLU, Weiterentwicklung, neue Standorte, Mentor:innen, erweiterte Community, etc.).

Die angegebenen Prozente sind der initiale Aufteilungsschlüssel. Die Jugendlichen können im soziokratischen Konsent diese Verteilung abändern und neu festlegen. Es sind jedoch immer alle drei Töpfe beteiligt. Die Jugendlichen lernen: Ihr Erfolg entsteht nicht im luftleeren Raum. Er baut auf Infrastruktur, Community, ehrenamtliche Mentorings, Fürsprecher:innen und Arbeit von Pionier:innen auf. Durch diesen Beitrag werden sie nicht zu Hilfsempfänger:innen, sondern zu Mitträger:innen ihres eigenen Ökosystems.

Das Ritual: Den Schleier lüften

Aus der Abrechnung wird kein trockener Verwaltungsakt, sondern ein soziales Ereignis am Lagerfeuer:

  1. Beute präsentieren (Schatzhebung): Was lief gut? Was ging schief (Lernschatz)?
  2. Den Schleier lüften: Die Beute wird offen auf den Tisch gelegt. "Ich habe 1'000 Franken eingenommen."
  3. Verteilen: Die Jugendlichen verbuchen selbst die Anteile in die drei Töpfe.
  4. Den Schleier schliessen: Danach ist das Geldthema abgehakt. Fokus zurück auf Lernen und das nächste Projekt.

8.5. Rechtliches Gefäss für Lernunternehmen

Der Einstieg ist in der Schweiz erfreulich einfach. Ein Einzelunternehmen entsteht formlos mit der Aufnahme der Geschäftstätigkeit: Wer urteilsfähig ist und die Zustimmung der Eltern hat, kann in eigenem Namen Rechnungen stellen – ohne Gründungsakt, ohne Handelsregister (Eintragspflicht erst ab CHF 100'000 Jahresumsatz). Wichtig ist nur: Einnahmen und Ausgaben werden von Anfang an transparent dokumentiert – fürs Portfolio sowieso, und für alles Weitere als Grundlage.

Je nach Alter kommt wenig dazu:

  • Vor der AHV-Beitragspflicht (unter 18 Jahren): keine Anmeldung bei der Ausgleichskasse nötig. Wird das Einkommen steuerlich relevant, füllen die Jugendlichen dafür eine eigene Steuererklärung aus – Erwerbseinkommen Minderjähriger wird selbständig versteuert.
  • Ab Beitragspflicht (ab 18 Jahren): Anmeldung als selbständigerwerbend bei der Ausgleichskasse (wenn der Reingewinn CHF 2'500 pro Jahr übersteigt).

Wächst ein Lernunternehmen oder wirken mehrere Personen mit, wählen die Jugendlichen ein passendes rechtliches Gefäss:

  • Einzelunternehmen – für Solo-Vorhaben; besteht bereits formlos, ab CHF 100'000 Umsatz mit Handelsregistereintrag.
  • Verein – für gemeinnützige oder gemeinschaftliche Projekte mit ideellem Zweck.
  • GmbH – für grössere Vorhaben mit Haftungsschutz und mehreren Mitwirkenden.
  • Doppelstruktur (z.B. Verein + GmbH) – wenn ideeller und wirtschaftlicher Teil sauber getrennt werden sollen.

YOLU und erfahrene Kompliz:innen aus dem Netzwerk (Jurist:innen, Treuhänder:innen, Gründer:innen) sind verfügbar, wenn die Jugendlichen Unterstützung brauchen.

Bei jeder Gründung orientieren sich die Jugendlichen an den Prinzipien des Steward Ownership: Selbstbestimmung bleibt bei den Tätigen, das Unternehmen dient dem Zweck (nicht umgekehrt), und Gewinne sind Mittel, nicht Selbstzweck. Ein Ökosystem-Beitrag und der langfristige Rückfluss werden in den Statuten verankert.

8.6. Weitergeben: das Serviceberry-Prinzip

Was eine junge Person empfangen hat – einen Platz, den das Dorf geöffnet hat, Mentoring, Infrastruktur, erste Kundschaft, Heimat und Beziehung –, gibt sie weiter an die Nächsten. Ein kleinerer, klar begrenzter Teil fliesst zurück an das Ökosystem, das investiert hat. Beides gehört dazu.

Das Colearning Framework nennt das die Serviceberry-Ökonomie, nach der Biologin Robin Wall Kimmerer: Der Baum hortet seine Früchte nicht, um ihren Wert durch Knappheit zu steigern. Er gibt sie verschwenderisch an die Vögel und die tragen die Samen weiter. Der Vogel zahlt dem Baum nichts zurück; er trägt das Geschenk voran, und das ganze System blüht dadurch auf. Das Geschenk sichert die Zukunft des Baumes besser als das Behalten. So ist das Wirtschaften im Basecamp gedacht: nicht extraktiv, sondern regenerativ – wir wollen Beziehungen und Orte lebendiger zurücklassen, als wir sie vorgefunden haben.

Das Weitergeben. Es hat viele Gestalten, die meisten gibt es schon: der sinkende Dorfanteil, der zur offenen Tür für die nächste junge Person wird (siehe 8.2); der Stipendienfonds; die Gabe aus dem Stamm-Topf an andere, die es brauchen (siehe 8.4); Ehemalige, die zurückgeben – mit Spenden, Mentoring oder Aufträgen an die aktuelle Generation; erfahrene Jugendliche, die selbst neue Stämme gründen (siehe Kapitel 12). Und im Grössten verschenken wir das Modell selbst: Konzept, Vorlagen, Rituale als Gemeingut, das jede:r nehmen und weitertragen darf (siehe 14.2).

Der Rückfluss. Wächst ein Lernunternehmen über das Basecamp hinaus – aus dem Podcast wird eine Agentur, aus der Reparaturecke ein Geschäft –, dann fliesst für eine begrenzte Zeit ein reduzierter Ökosystem-Beitrag zurück (z.B. 5–10% vom Gewinn, gedeckelt auf Summe und Dauer). Das ist ein Capped Return: Das Ökosystem hat investiert – Infrastruktur, Netzwerk, Mentoring, Marke, erste Kundschaft – und erhält dafür einen fairen, endlichen Anteil am Gelingen. Kein Eigentum, das steuert, sondern eine Beteiligung, die endet und damit in Freiheit entlässt. Während der Basecamp-Zeit regelt das schon das 3-Töpfe-Prinzip (siehe 8.4).

Verankerung in der Eigentumsstruktur

Damit der Rückfluss nicht nur auf gutem Willen beruht, wird er in der Rechtsform verankert: Das gewählte Gefäss enthält eine Rückfluss-Klausel nach dem Steward-Ownership-Prinzip – kein Stimmrecht gegen Geld, sondern ein begrenzter Capped Return. Er endet nach definierter Zeit oder Summe. Danach ist das Unternehmen frei – aber die kulturelle Verbindung, und oft die Lust am Weitergeben, bleibt.

8.7. Was darüber hinaus zählt: Beitrag, der nicht in Rechnungen passt

Geld ist nicht alles, was ein Stamm wertvoll macht. Mindestens so wichtig sind Beiträge, die in keiner Bilanz auftauchen:

  • Wer hat wen inspiriert?
  • Wer hat von wem gelernt, kopiert im besten Sinn, weiterentwickelt?
  • Welche Verbindungen sind entstanden, die nichts kosten und alles wert sind?
  • Wer hat Stunden in ein Projekt von jemand anderem gesteckt, ohne dass es vergütet wurde?

Diese Form von Wertschöpfung wird sichtbar gemacht: bei der Schatzhebung, im jährlichen Retreat. Wer aus dem Basecamp tritt, wird gefragt: Wem hast du etwas zu verdanken? Wo hast du selbst Spuren hinterlassen und viel investiert? Die Antworten gehören zur Geschichte des Stamms.

Dieses Sichtbarmachen geschieht bewusst nicht mit Geld. Würde man jede geschenkte Stunde mit einem Marktwert etikettieren, holte man das Geld durch die Hintertür wieder herein und entwertete genau die Geste, die als Geschenk gemeint war. Wir würdigen das Geben in der Währung der Dankbarkeit. Gerade so schützt es auch die Gebenden: Was sichtbar ist, kann nicht unbemerkt ins Bodenlose wachsen.


TEIL III: DAS NETZ UM DEN STAMM

9. YOLU: Konzepte, Vernetzung, Fürsprache

YOLU ist nicht das Zentrum der Basecamps, sondern Initiatorin und ein wichtiger Knoten im Netzwerk – getragen von der Erfahrung aus Colearning und Coworking. Von diesem Knoten aus wird angeboten, nicht gesteuert. Pull-Prinzip: Der Stamm holt sich, was er braucht. Niemand drängt etwas auf.

9.1. Was YOLU anbietet

Startphase: Unterstützung bei der Gründung des Stamms, mit Fokus auf die Startphase. Dazu gehört die Begleitung der Jugendlichen bei der Entwicklung ihres Konzepts, der Gründung ihres Vereins, der Zusammenstellung ihres Mentor:innen-Pools und der Vorbereitung auf die ersten Monate.

Konzepte und Rituale: Das Colearning Framework, die fünf Mentoring-Schritte, das 3-Töpfe-Prinzip, der Rhythmus der drei Zonen, die Soziokratie-Praktiken, die Wanderschaft-Logik. Das sind erprobte Werkzeuge, die der Stamm anwenden oder anpassen kann.

Strukturen: Vorlagen für Vereinsstatuten mit Steward-Ownership-Klauseln, Mustervereinbarungen mit Host-Orten, Versicherungsempfehlungen, Buchhaltungstemplates. Die Strukturen, die in Pionierstämmen erarbeitet wurden, werden für nachfolgende Stämme verfügbar gemacht.

Wirtschaftliche und rechtliche Begleitung: YOLU ist für wirtschaftliche und rechtliche Fragen erreichbar (Vereinsgründung, Aufsichtsfrage, Jugendschutz, Vertragsgestaltung). Die Stamm-Vereine finanzieren und teilen sich solche Mandate über YOLU.

Vernetzung: Zugang zum Mentoring-Netzwerk (Effinger-Coworking-Community, Colearning Bern, Maturanda-Netzwerk, Corelated, internationale Verwandtschaften). Vermittlung von Mentor:innen, Kompliz:innen, Wanderschaft-Gastgeber:innen. Verbindungen zwischen Stämmen.

Erfahrung: YOLU hat seit vielen Jahren Lernunternehmen mit Jugendlichen gebaut. Effinger Coworking Space besteht seit über zehn Jahren. Colearning Bern und das Colearning Framework haben viele Biografien getragen. Diese Erfahrung steht zur Verfügung.

Fürsprache: Die Glaubwürdigkeit gegenüber Eltern, Behörden und Skeptiker:innen. Übersetzungsarbeit zwischen einer Welt, die traditionelle Bildungswege erwartet, und einer neuen und flexibleren Form. Und darüber hinaus die politische Stimme: YOLU vertritt das Modell gegenüber Behörden und im Bildungsdiskurs und macht sichtbar, dass diese Arbeit ein gesellschaftlicher Wert ist.

9.2. Wie das Pull-Prinzip funktioniert

YOLU drängt sich nicht auf. Der Stamm meldet sich, wenn er etwas braucht.

Konkret kann das so aussehen:

  • Eine Jugendliche will ein Lernunternehmen gründen und braucht Hilfe bei der Rechtsform. → Sie meldet sich bei YOLU, kriegt einen Kontakt zu jemandem, der das schon gemacht hat.
  • Der Stamm-Vorstand bereitet die Vereinsversammlung vor und braucht eine Mustervorlage. → Vorlage wird geteilt, eine Stunde Sparring angeboten.
  • Eine Mutter ist skeptisch und will mit jemandem sprechen, der das Basecamp versteht. → Eine Person von YOLU nimmt sich Zeit.
  • Ein:e Colearner:in will auf Wanderschaft in den Berliner Makerspace und braucht eine Vermittlung. → YOLU stellt den Kontakt her.

Was YOLU nicht tut:

  • YOLU tritt nicht ungebeten an den Stamm heran mit einem fixen Programm.
  • YOLU überprüft nicht die Aktivitäten des Stamms.
  • YOLU misst nicht den "Erfolg" der Jugendlichen.
  • YOLU kommuniziert nicht für den Stamm nach aussen, ausser auf explizite Bitte.

9.3. Wie YOLU finanziert wird

Der schlanke YOLU-Anteil am Grundpreis (CHF 220) deckt das dauerhafte Backoffice: Lilo-Page-Hosting, Admin, Mentor:innen-Matching, Backup, Vernetzung, Koordination. Den höheren Dorfanteil in den ersten Jahren einer Person trägt nicht die Familie, sondern das Dorf (siehe 8.2). Für die Weiterentwicklung der Konzepte, das Erschliessen weiterer Standorte, die politische Stimme und die Bewegungsarbeit reicht der Platzpreis bewusst nicht. Dafür braucht es weitere Quellen, die das Modell aus eigener Kraft tragen:

  • Ökosystem-Topf aus Lernunternehmen
  • Capped Returns aus Lernunternehmen, die über das Basecamp hinauswachsen
  • Alumni-Beiträge, wenn Ehemalige zurückgeben wollen
  • Spenden von Menschen, die das Modell tragen wollen
  • Anstossfinanzierung für klar abgegrenzte Investitionen (z.B. Stipendienfonds, Handbuch, etc.)

Niemand lebt von der Betreuung. Das YOLU-Geld finanziert den Netzwerk-Knoten, keine bezahlte lokale Betreuung der Jugendlichen – die bleibt bei Peers und ehrenamtlichen Mentor:innen (zur genauen Grenze siehe 7.2).

Care-Arbeit des Dorfes. Das Grossziehen junger Menschen mit Mentoring, LOPI, das Hineinwachsen in Selbstwirksamkeit ist Care-Arbeit. Ein Dorf, das seine Jugend grosszieht, leistet unsichtbare, oft unbezahlte Arbeit, die sich keiner kurzfristigen Wirkungsmessung fügt. Wer das Basecamp fördern will, fördert deshalb nicht ein Bildungsprodukt mit schnellen Kennzahlen, sondern wird selbst Teil dieses Dorfes: trägt einen Dorfanteil an einem konkreten Platz mit (Platz-Patenschaft), speist den Stipendienfonds oder ermöglicht, dass das Modell in weitere Städte wächst. Das ist das Argument – und der konkrete Weg –, mit dem YOLU gegenüber Stiftungen und Öffentlichkeit auftritt.

10. Eltern und rechtlicher Rahmen

Eltern vertrauen mit uns zusammen den Jugendlichen. Die Erwachsenen sind präsent – nicht durch Bürokratie, sondern durch das, was ein Dorf seit jeher für Eltern leistet: Es gibt mehr als zwei Augenpaare, die hinschauen. Es gibt mehrere Erwachsene, denen die Jugendlichen etwas bedeuten. Es gibt einen Ort, an dem Jugendliche nicht "betreut" werden, sondern mitwirken und ein wichtiger Teil des Ganzen sind.

10.1. Was das Basecamp ist – und was nicht

Es ist ein Ort, an dem Jugendliche die Möglichkeit bekommen, sich zu entwickeln – im eigenen Tempo, mit echten Projekten, begleitet von Mentor:innen. Die Eltern sind Teil dieses Systems: Sie bleiben verantwortlich für Versicherung, Grundversorgung und fällen zusammen mit den Jugendlichen die grundsätzliche Entscheidung, ob dieser Weg passt.

Niemand spielt Schulmeister oder misst Anwesenheiten. Aber im Stamm und im vertraulichen Mentoring schauen die Jugendlichen mit den erwachsenen Kompliz:innen hin: auf die persönliche Entwicklung, den Umgang, auf die Mitarbeit in der Community und die verbindlichen Ritualen.

10.2. Was Eltern bekommen

  • Teilnahmevereinbarung mit dem Stamm-Verein: Klare Regelung von Mitgliedschaft, Erwartungen und Rahmenbedingungen. Kein Arbeitsvertrag, keine Anstellung. Die Vereinbarung macht explizit, dass die Verantwortung für den Bildungsweg bei den Jugendlichen und ihren Familien liegt. Was die Vereinbarung im Einzelnen regelt, steht in Kapitel 5.
  • Transparenter Platzpreis: Grundpreis (Familie) und Dorfanteil (Dorf) liegen offen auf dem Tisch (siehe Kapitel 8.2).
  • Portfolio Page des Kindes unter eigenem Domainnamen: Eltern können jederzeit sehen, woran ihr Kind arbeitet – auf dessen eigener Website.
  • Halbjahresgespräch: Mindestens einmal pro Halbjahr ein Gespräch mit Mentor:in, häufig mit jemandem von YOLU und manchmal mit erfahreneren Jugendlichen aus dem Stamm.
  • Klare Ansprechpartner:innen im Stamm (Vorstand) und bei YOLU.
  • Krisenprotokoll: Direkter Kontakt zwischen Eltern und Jugendlichen ist die Norm. Bei strukturellen Fragen oder ernsten Situationen werden Mentor:innen und YOLU involviert.

10.3. Rechtliche Lage

Die Jugendlichen werden nicht angestellt. Das Basecamp ist ein Vereinsangebot für eine selbständige Ausbildung, kein Arbeitsverhältnis. Mit der Altersspanne von 15 bis 25 sind ein Teil der Mitglieder bereits volljährig und voll handlungsfähig – für sie entfallen die folgenden Einschränkungen zur Minderjährigkeit ganz. Die wesentlichen Punkte betreffen daher vor allem die jüngeren, minderjährigen Mitglieder:

Rechtsfähigkeit der Jugendlichen. Mit Ende der obligatorischen Schulzeit (typischerweise 15–16 Jahre, je nach Kanton) sind Jugendliche schulisch frei. In der Schweiz gilt nicht Volljährigkeit, sondern Urteilsfähigkeit als zentrales Kriterium. Mit 15+ ist diese für die meisten Alltagsfragen unbestritten.

Vereinsmitgliedschaft. Urteilsfähige Minderjährige können einem Verein beitreten und im Vorstand mitwirken. Bei Minderjährigen ist die elterliche Zustimmung erforderlich, bei höchstpersönlichen Rechten oder selbständiger Erwerbstätigkeit (ZGB Art. 323) reicht die Urteilsfähigkeit.

Selbständige Tätigkeit. Mit Zustimmung der Eltern können Minderjährige einer selbständigen Erwerbstätigkeit nachgehen und ihr Einkommen selbst verwalten.

Aufsicht. Eine Aufsichtspflicht im engeren Sinn besteht für 15+ nicht. Die elterliche Sorge bleibt bei den Eltern. Eltern willigen ein, dass ihr Kind diese Form des Lernens und Arbeitens wählt. Das ist rechtlich etwas anderes als Aufsicht.

Versicherung. Bleibt bei den Familien (Kranken-, Unfall-, Haftpflicht). Bei grösseren Risiken kann der Stamm-Verein weitere Versicherungen abschliessen (z.B. Betriebshaftpflicht oder eine Vorstandshaftpflicht).

Ausbildungszulagen. Das Basecamp ist als nachobligatorische Ausbildung angelegt. Wenn sie anerkannt wird, können Familien die Ausbildungszulage von ca. CHF 300/Monat beim Kanton beantragen; sie senkt den Beitrag der Familie spürbar (siehe Kapitel 8.2). Diese wird in der Schweiz für junge Menschen in Ausbildung bis längstens zum vollendeten 25. Altersjahr ausgerichtet.

10.4. Schutz der Jüngeren

Ein Dorf schützt seine Jungen – nicht durch Misstrauen, sondern durch Sichtbarkeit und klare Absprachen. Weil im Stamm Minderjährige und Erwachsene eng zusammenwirken, hält das Basecamp dafür ein Schutzkonzept, das der Trust Circle pflegt (siehe Kapitel 6.4 und 6.5). Es ruht auf wenigen, verbindlichen Grundsätzen:

Sichtbarkeit statt Abgeschlossenheit. Das Basecamp lebt im offenen Betrieb, zwischen vielen Menschen. Begegnungen, Mentorings und Einsätze finden grundsätzlich an einsehbaren Orten und in der Gemeinschaft statt, nicht im Verborgenen. Gerade weil mehr als zwei Augenpaare hinschauen, entsteht Schutz.

Mentoring mit Rückhalt. Das wöchentliche 1:1 ist eine Vertrauensbeziehung – und steht doch nie isoliert da. Eltern wissen, wer die Mentor:in ihres Kindes ist, und sind bei den Halbjahresgesprächen dabei. YOLU und der Circle Learning & Mentoring sind Ansprechstelle, wenn etwas unangenehm wird; ein Wechsel ist jederzeit und ohne Begründung möglich.

Eine Vertrauensperson ausserhalb der Gruppe. Neben dem Stamm gibt es eine benannte, unabhängige Ansprechperson, an die sich Jugendliche und Eltern jederzeit direkt wenden können. Bei ernsten Situationen wird, wie beim Ausschluss, eine neutrale Fachperson beigezogen (siehe Kapitel 6.5).

Klare Umgangsregeln. Wer im Basecamp mitwirkt – Jugendliche wie Erwachsene – kennt und trägt einen knappen Verhaltenskodex: Grenzen werden respektiert, ein Nein gilt, Vertrauens- und Machtverhältnisse werden nie ausgenutzt. Grenzverletzungen werden angesprochen, nicht beschwiegen (siehe Konfliktkultur, Kapitel 6.5).

Wanderschaft: nicht allein, immer abgesprochen. Auf Wanderschaft gehen Minderjährige mindestens zu zweit oder in einer Gruppe. Ziel, Gastgeber:innen und Dauer sind den Eltern bekannt und mit ihnen abgesprochen, und die Gastgeber:innen stammen aus dem vertrauten Netzwerk (befreundete Spaces, Betriebe, Communities). Es gibt feste Erreichbarkeit, vereinbarte Check-ins und klare Notfallkontakte. Für Wanderschaften ins Ausland gelten erhöhte Anforderungen an Absprache und Begleitung (siehe Kapitel 2.4).

Eltern bleiben verantwortlich und nah. Die elterliche Sorge bleibt bei den Eltern (siehe Kapitel 10.3). Grundsatzentscheide – Aufnahme, Wanderschaft, ein eigenes Lernunternehmen – fällen Jugendliche und Eltern gemeinsam. Direkter Kontakt zwischen Eltern und Jugendlichen ist die Norm; das Basecamp ist nicht der Filter zwischen ihnen, sondern das zusätzliche Netz darum herum.

10.5. Wie wir mit Eltern arbeiten

Drei Prinzipien:

Erstens, direkter Kontakt zwischen Eltern und Jugendlichen. Wir sind nicht der Filter zwischen ihnen. Wenn ein Elternteil etwas wissen will, fragt es die Jugendlichen – oder die Jugendlichen erzählen, was sie teilen möchten.

Zweitens, Fürsprache in der Anfangsphase. Eltern, die zum ersten Mal mit dem Modell in Berührung kommen, können mit YOLU sprechen.

Drittens, Transparenz durch das, was sichtbar ist. Die eigene Lilo Page des Kindes, die Schatzhebung-Einladungen, das Halbjahresgespräch, die offene Tür der Coworking und Colearning Spaces. Das ist mehr Transparenz, als jede Schule bietet. Eltern müssen nicht informiert werden über etwas, das verschlossen ist. So können sie einfach hinschauen.


TEIL IV: VON EINEM STAMM ZUR BEWEGUNG

11. Der erste Stamm: Bern 2026

Hier beginnt es. Die Pilotphase startet 2026 im Effinger Coworking und Colearning Space in Bern. Bern ist der erste Stamm – nicht das Zentrum, sondern der Anfang. Von hier ziehen Jugendliche weiter und gründen anderswo den nächsten (siehe Kapitel 12).

Für diesen ersten Stamm gilt die Pionierphase in ihrer stärksten Form (siehe Kapitel 6.6): Weil es noch wenig erfahrene Colearner:innen gibt, bearbeiten YOLU und die Initiant:innen den Boden. Sie öffnen Raum, führen die Rituale ein und halten den Rahmen, von Anfang an mit dem Ziel, sich Schritt für Schritt zurückzunehmen.

11.1. Wer dabei ist

Jugendliche und junge Erwachsene: Junge Menschen zwischen 15 und 25 Jahren, die ihren Stamm tragen wollen. Die ersten Pionier:innen sind bereits da. Im Frühling 2026 sind es ca. 7 Jugendliche, die in unterschiedlichen Formen bei YOLU und Colearning Bern eine unternehmerische Ausbildung machen. Sie sind zusammen mit den Erwachsenen Mit-Initiator:innen vom Basecamp. Die Erfahrenen unter ihnen stehen bereit als Mentor:innen. Wir, die Jugend von YOLU, starten als erster Stamm: Wir testen das Modell gleich an uns selbst.

Host-Ort: Der Effinger Coworking und Colearning Space mit seinen ca. 150 Community-Mitgliedern. Die Jugendlichen sind Coworker:innen mit Schenkzeit und Mitwirkungsrechten.

Mentor:innen: Von YOLU und aus dem Effinger-Netzwerk – Menschen mit eigener unternehmerischer Erfahrung, im Mandat des wöchentlichen 1:1-Mentorings. Unbezahlt.

Fürsprecher:in nach aussen: YOLU, zeitlich begrenzt, mit Übergabe an ältere Colearner:innen, sobald deren Biografien für sich sprechen.

YOLU: Bietet unternehmerische Begleitung, Vernetzung, Erfahrung. Im Pull-Prinzip.

11.2. Wie der Start aussieht

Der Start ist mit der gemeinsamen Vorbereitung bereits erfolgt: Die jugendlichen Pionier:innen prägen das Konzept mit und organisieren Infoanlässe, Schnupper-Quests und Onboarding.

Kommunikation: Die Jugendlichen erzählen ihre Geschichte, die Eltern und das Dorf hören zu. Sie erklären, was das Basecamp ist, wie es funktioniert und was es kostet. Sie laden ein, mitzumachen.

Jugendliche kommen dazu: Sobald weitere Jugendliche beitreten, erarbeiten sie ihre Vereinsstatuten, gründen den Stamm-Verein und stellen mit YOLU den Mentor:innen-Pool zusammen. Dann läuft die Tagesroutine an.

Wirtschaftlich: Der Preis pro Platz – Grundpreis (Familie) plus Dorfanteil (Dorf) – trägt die laufenden Kosten. Eine Person kann starten, sobald beide Teile gesichert sind (siehe Kapitel 8.2).

Inhaltlich: Der Rhythmus etabliert sich, das Mentoring startet, die Circles bilden sich, Host-Einsätze rotieren und erste Lernunternehmen werden aufgebaut. Nach sechs Monaten folgt die erste Halbjahresreflexion. Nebenbei werden Matura-Prüfungen vorbereitet. Erste Wanderschaften werden geplant.

Strukturell: Die Circles finden ihre Form. Der Vorstand lernt, einen Verein zu führen. Die Beziehung zur Coworking Community wird gewebt. Die Fürsprache nach aussen ist in der Anfangsphase intensiv.

12. Wachstum als Bewegung

12.1. Wie ein neuer Stamm entsteht

Ein neuer Stamm beginnt mit einer Gruppe von Jugendlichen, die das Basecamp kennengelernt haben und in ihrer Region etwas Ähnliches aufbauen wollen. Sie:

  1. Holen sich von YOLU Konzepte, Vorlagen, Begleitung
  2. Suchen einen Host-Ort (Coworking, Bauernhof, Werkstatt, Kulturzentrum)
  3. Sprechen Erwachsene vor Ort an, die als Kompliz:innen bereit sind
  4. Gründen ihren Verein
  5. Starten

YOLU begleitet im Pull-Prinzip: Vorlagen, Gespräche, Vermittlung von Mentor:innen, allenfalls Fürsprache nach aussen, wenn die jungen Gründer:innen das brauchen und niemand aus der Region das übernehmen kann.

Auch hier gilt Community First (siehe Kapitel 5): Ein neuer Stamm startet erst, wenn am neuen Ort eine Community möglich ist – ein Host-Ort mit echter Arbeit und Menschen, die mitleben lassen. Wer das Basecamp will, aber (noch) keine Community hat, kommt zuerst nach Bern: gemeinsam starten, den Rhythmus in den Körper bekommen – und nach zwei bis drei Monaten weiterziehen, wenn der neue Ort bereit ist. So wächst die Bewegung vielleicht langsamer, aber sie wächst lebendig.

Vieles lässt sich weitergeben und voneinander abschauen: Prinzipien, Rituale, Vorlagen, und auch, wie Vertrauen, Beziehung und Kultur entstehen. Verordnen lässt sich nichts davon. Wie ein Stamm das alles lebt, formen die Jugendlichen an jedem Ort neu, für ihre Zusammenstellung, ihre Interessen und die lokalen Bedingungen und Möglichkeiten. Was am eigenen Ort fehlt, holen sie sich auf der Wanderschaft. So gibt es kein Basecamp von der Stange: YOLU hält den Rahmen, nie den Inhalt. Was an einem einzigen Ort steht, kann fallen. Was an vielen Orten lebt, jeder Stamm auf seine Weise, lebt weiter.

12.2. Anti-Patterns

Wachstum birgt Risiken. Aus der Erfahrung des Colearning Frameworks und aus unseren eigenen Lehren:

  • Verschulung: Wenn Struktur wichtiger wird als Freiheit. Check: Entscheiden die Jugendlichen noch über ihren Tag?
  • Verzweckung (Auftragsfabrik): Wenn der Output-Druck so gross wird, dass nur noch Effizienz zählt und Fragen, Spiel und Umwege als Störung gelten. Dann verkümmert genau das, was die Jagd lehrreich macht – und der Stamm gleitet in die Logik ab, der er entkommen wollte. Eine besondere Form ist die Startup-Norm an Stelle der Schulnorm: Wenn nur noch die verkäufliche, skalierbare Beute zählt, hat bloss eine Norm die andere ersetzt – und Kunst, Care, Regeneration oder politisches Wirken gelten plötzlich als weniger wert (siehe 2.1). Check: Gibt es noch unverplante Zeit und ergebnisoffenes Experimentieren? Entsteht auch mal etwas ohne Kundennutzen? Wird noch gelacht?
  • Professionalisierung: Wenn jemand anfängt, hauptberuflich von der Betreuung eines Stamms zu leben. Rote Linie überschritten. Das Modell muss aus sich selbst leben können, ohne bezahlte Betreuungsstellen. Nicht gemeint ist der über den ehrlichen Platzpreis transparent finanzierte YOLU-Aufwand pro Platz – Koordination, Vernetzung, Backup, Pflege der Konzepte (siehe Kapitel 8 und 9.3) –, gemeint ist bezahlte lokale Betreuung als Beruf. Die rote Linie verläuft genau dort: YOLU-Geld trägt den Netzwerk-Knoten, nie die Betreuung vor Ort. Ebenso wenig gemeint ist professionell bezahlte Schutz- und Ermöglichungsarbeit (Kinderschutz, Recht, Krisenintervention, Zugangsarbeit) – sie schützt die Jugendlichen, statt sie zu bevormunden (siehe 7.2). Die Gegenprobe gilt in beide Richtungen: Auch stille Selbstausbeutung der Initiator:innen ist eine Form dieser Verletzung, nur mit umgekehrtem Vorzeichen.
  • Ausbeutung: Wenn Schenkzeit zum Ausnutzen wird – in beide Richtungen. Check: Erleben die Jugendlichen ihre Mitarbeit als angemessenen Beitrag zum Stamm? Und: Brennen die Gebenden aus, weil immer dieselben tragen (siehe "Schenken hat Grenzen")?
  • Söldnertum: Wenn Jugendliche nur konsumieren und nichts zurückgeben. Check: Fliesst Beute und Wissen zurück in den Stamm?
  • Isolierter Eigennutz: Wenn ein Vorhaben nur um sich selbst kreist und niemanden erreicht. Gemeint ist die Abkapselung: kein Austausch, keine Resonanz, kein Weitergeben. Check: Berührt das Vorhaben überhaupt jemanden – sucht es Austausch und Resonanz?
  • Dienstleistungsfalle: Wenn Eltern anfangen, "Leistungen einzufordern" wie bei einer Schule. Check: Ist die Teilnahmevereinbarung klar genug?
  • Ersatzfalle: Wenn der Stamm Aufgaben übernimmt, die Schule, Sozialdienste oder professionelle Hilfe leisten müssten. Das Basecamp ersetzt nichts davon – es ergänzt, mit klaren Schwellen, ab denen Profis und staatliche Stellen übernehmen. Das schützt die Jugendlichen und bewahrt YOLU vor einer Last, die es nie tragen könnte. Check: Sind die Schwellen klar, ab denen Profis oder staatliche Stellen übernehmen?
  • Desperation: Wenn der Stamm anfängt, Mitglieder um jeden Preis zu wollen – aus Geldsorgen oder Wachstumsdruck. Check: Sagen wir noch ehrlich Nein, wenn es nicht passt? Filtert unsere Kommunikation noch (siehe Kapitel 5 und 13)?
  • Zentralisierung: Wenn YOLU zu viele Aufgaben an sich zieht. Check: Könnte ein neuer Stamm auch ohne YOLU starten – oder würde er ohne es nicht funktionieren?

13. Kommunikation: jung, frech, auf zwei Ebenen

Das Basecamp kommuniziert so, wie es lebt: jung, frech, etwas rebellisch, ermöglichend und fürsprechend. Dabei ist die Richtung der Frechheit entscheidend: Wir attackieren das konventionelle System – nie die Menschen. Unsere Spitzen gelten der Aufbewahrungslogik, dem Notenglauben und der Verengung auf normierte Anschlüsse. Sie gelten nie den Jugendlichen, nie den Eltern, nie den Lehrpersonen, die selbst im System feststecken – und auch nicht denen, die uns unterstützen wollen. Wir bitten nicht um Erlaubnis und betteln nicht um Aufmerksamkeit. Wir zeigen, was möglich ist – und wer sich davon angezogen fühlt, findet den Weg.

Unsere Kommunikation folgt dem kritischen Pragmatismus und arbeitet immer auf zwei Ebenen gleichzeitig:

Die Stamm-Ebene – lokal und konkret. Hier geht es darum, die richtigen Menschen für ein konkretes Basecamp zu gewinnen: Jugendliche, Eltern, Mentor:innen, Kompliz:innen. Diese Kommunikation ist spezifisch, persönlich und direkt – Mund-zu-Mund, Gespräche, Besuche, Geschichten aus dem Alltag.

Die Bewegungs-Ebene – gesellschaftlich und politisch. Hier geht es um mehr als um uns: "Alle müssen wissen, dass es andere Wege – und Hoffnung – gibt." Wir sind Fürsprecher:innen für Kinder und Jugendliche, auch für die, die nie in ein Basecamp kommen. Wir zeigen Wege auf und nehmen damit den Druck weg, dass es mit den normierten (Schul-)Karrieren klappen muss. Jede Geschichte eines gelungenen anderen Weges entlastet tausend Familien, die gerade glauben, versagt zu haben.

Diese Fürsprache schliesst die Schulpflichtigen ausdrücklich ein. Operativ agiert das Basecamp nachobligatorisch – politisch aber beziehen wir Stellung auch für die Jüngeren:

Schulabsentismus und ein Ausstieg aus dem Schulsystem sind keine Charakterfehler und keine persönlichen Defizite der Kinder und Jugendlichen. Es kann eine verständliche Schutzbewegung sein: ein Versuch, sich vor Überforderung, Beschämung, Ausgrenzung oder einer Umgebung zu retten, die krank macht. Wo Erwachsene darauf primär mit Druck, Sanktionen oder Rückführung reagieren, ohne die verletzenden Bedingungen zu verändern, wiederholt die Institution den Schaden. Das ist institutionelle Gewalt. Ihr Kern ist der erzwungene Gehorsam gegenüber einem System, das die Signale der Not ignoriert. Hier sind YOLU und das Colearning Basecamp eine laute, öffentliche Stimme im Bildungsdiskurs.

Die beiden Ebenen nähren sich gegenseitig: Die konkreten Geschichten aus dem Stamm geben der grossen Botschaft Glaubwürdigkeit. Die grosse Botschaft gibt jeder einzelnen Familie Rückenwind für ihre Entscheidung.

Die zwei Ebenen haben auch zwei Tonlagen: Auf der Bewegungs-Ebene sind wir warm und fürsprechend, auf der Stamm-Ebene dürfen wir zugespitzt und verspielt sein.

14. Die Bewegung gehört allen

Am Anfang steht ein einziger junger Mensch, der nicht mehr wartet. Was daraus wächst, ist viel grösser. Denn jede Biografie, die zeigt, dass es auch anders geht – abseits eines normierten Weges – nimmt Druck aus dem ganzen System: auch bei Familien, die nie ein Basecamp betreten, auch bei Kindern, die noch im Schulzimmer sitzen und sich fragen, ob sich das wirklich so anfühlen muss. Jede gelungene Geschichte entlastet tausend andere, die gerade glauben, versagt zu haben. Darum sollen alle wissen, dass es andere Wege gibt – und Hoffnung.

14.1. Vom Funken zur Gesellschaft

Ein Dorf, das seine Jugend wieder gemeinsam grosszieht, heilt mehr als den Übergang ins Erwachsenwerden. Es knüpft das Band zwischen den Generationen neu, das die getrennten Welten von Schule, Familie und Beruf zerschnitten haben. Daraus wächst zivile Resilienz: eine Gemeinschaft, die Unterschiede aushält, füreinander sorgt, Widerstandsfähigkeit übt und gemeinsam Verantwortung übernimmt. Junge Menschen sind darin keine Noch-nicht-Erwachsenen in der Warteschleife, sondern Mitgestaltende und Teilhabende von heute. In einer Zeit, in der vieles brüchig wird, ist das keine pädagogische Nische, sondern gesellschaftlicher Zusammenhalt in Aktion.

Was der Stamm im Kleinen lebt, lebt die Bewegung im Grossen. Was wir empfangen haben, geben wir weiter: an die nächsten Jugendlichen, an die nächste Stadt, an die, die nach uns kommen, und an die lebendige Welt und das, was über sie hinausgeht und uns trägt. Wir wollen unsere Umgebung fruchtbarer zurücklassen, als wir sie vorgefunden haben. So wird aus einem Funken ein Lagerfeuer und aus einem Lagerfeuer viele.

14.2. Lizenz zum Weitergeben

Das Weitergeben beginnt bei diesem Konzept selbst: Wir halten es nicht unter Verschluss, wir geben es frei. Es steht unter Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 (CC BY-SA 4.0), wie das Colearning Framework, auf dem es aufbaut. Nimm, was zu deinem Ort passt, baue darauf auf und gib deine Weiterentwicklungen unter denselben Bedingungen weiter. Frei ist das gemeinsame Wissen – Konzept, Vorlagen, Statuten, Schutzkonzept, Handbücher. Den Jugendlichen gehört, was ihnen gehört: die eigene Page, das eigene Lernunternehmen, die eigene Beute. Und die Namen Colearning und Basecamp bleiben an die Minimalstandards gebunden (siehe Colearning Framework, Kap. 6.5) – frei im Inhalt, verlässlich im Namen.

Wir laden ein zum Mitwirken und Weitergeben und freuen uns, wenn etwas zurückfliesst – durch Dankbarkeit, durch Geschichten, durch Beiträge in irgendeiner Form. Keine Pflicht der Lizenz, sondern eine Einladung.


Dieses Konzept ist kein fertiges Produkt, sondern ein Samen: gelegt in fruchtbaren Boden, gehegt von den Jugendlichen selbst – und zum Weitergeben gemacht. Wir retten nicht die ganze Welt, indem einer gross wird. Aber vielleicht ein Stück weit die Jugend – und mit ihr ein Stück Zukunft –, indem viele weitergeben. Wir sehen uns auf dem Weg.

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